Donnerstag, 5. März 2020

Rezension: Las Vegas Royale von Alea/Ravensburger

Rüdiger Dorn: LAS VEGAS ROYALE für 2 – 5 Spieler mit Illustration von Antje und Claus Stephan bei Alea 2019, Spieldauer ca. 30 – 40 Minuten

Das Royal Warrant verspielt

Was ist schon royal? Nur die Royals sind royal. Und wir hier? Wissen wir doch gar nicht mehr so genau. Der Kaiser ist 1918 abgetreten. Adelstitel werden seitdem auch nicht mehr geführt, sind nur noch Nachnamen. Ein Prinz bei uns ist kein Prinz, er heißt nur noch so. William ist Prinz, aller Wahrscheinlichkeit nach wird er sogar mal Kronprinz. Harry ist auch Prinz und hat sich oft nicht so benommen. Und bei den Amerikanern? Ich frage nur deshalb, weil LAS VEGAS doch in Nevada (U.S.A.) liegt. Amerikaner pfiffen schon immer auf den Adel, haben sich im Unabhängigkeitskrieg vom Adel befreit. Und ausgerechnet LAS VEGAS wird jetzt royal, sogar mit „E“ so wie „Casino royale“. Das kann doch nur in die Hose gehen.

Natürlich habe ich auch VEGAS, das dann später zu LAS VEGAS mutierte. Das Spiel gehört selbstverständlich zum Kanon der besten Würfelspiele. Bereits seit 2012, als es auf der Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres stand und gegen ein Spiel von Queen Games verloren hat. Mir fällt doch glatt dessen Name nicht ein. Kennen Sie das Spiel des Jahres 2012 noch? Das ist nur eine rhetorische Frage. Ich hoffe, Sie haben LAS VEGAS nicht vergessen.

Auch in ROYALE steckt noch immer das alte LAS VEGAS. Wir würfeln alle nacheinander und stellen alle Würfel einer gewählten Augenzahl in ein Casino. Dort gehen bei Spielende die Geldscheine an den Glückspilz, der dort die alleinige Mehrheit der Würfel eingesetzt hat. Gleiche Anzahl pattet sich, heißt: 2 x 3 Sechser verlieren gegen einen Einer-Pasch. Damit lässt sich trefflich spielen, besonders, wenn noch neutrale Würfel ins Spiel kommen. Von denen erhält jeder zwei, allerdings kann dann nicht die volle Spielerzahl mitspielen. Eine Würfelfarbe wird für diese Variante geopfert, es sei denn, man legt einen Satz Extra-Würfel bei.

Ein paar Jahr später erschien dann noch mit LAS VEGAS BOULEVARD eine Erweiterung. Die habe ich mir erst viel später zugelegt, weil ich mit ihr erst nicht warm geworden bin. Das Grundspiel ist so elegant aufs Wesentliche fokussiert, da braucht es eigentlich keine Erweiterung. Einzig die dicken Würfel, die als zwei Würfel auf den Casinos zählen, fand ich ganz passabel.

Und bei ROYALE? Ja, ja, die Ausstattung. Die scheint wirklich royal. Schwarze Schachtel, elegant designed und bedruckt. Ich gerate ins Schwärmen, aber nur solange ich die Schachtel nicht in die Hand und das Spielmaterial heraus geholt habe. Schlimm, schrecklich und vor allem billich! Die Schachtel hat die Haptik einer No-Name-Pralinenschachtel, der Würfelteller ist aus billigem Plastik in pseudogoldgelb, die gelben Würfel sehen aus, als hätte Prinz Pippi Spuren im Schnee … nur Jetons sind neu im Spiel. Die gab’s bisher nicht in LAS VEGAS, wirken allerdings so, als wären sie sogar noch billiger als Billigpralinen. Menschenskind! Kann das Ravensburger sein? Gediegene Ausstattung, solides Material, so wäre es königlich und gleichzeitig Ravensburger geworden.

Naja, es ist immerhin noch LAS VEGAS. Und die Jetons? Die heißen nur so, mit Casino-Jetons haben die wirklich gar nix zu tun. Die will ich Ihnen gar nicht unterschlagen, denn die fungieren als Rettungsanker. Gegen Rückgabe eines Chips darf man auf das Einsetzen der Würfel verzichten. Wer blöd würfelt, steht jetzt nicht immer blöd dar. Das ist eigentlich ganz clever, zwei Chips hat jeder von uns im Vorrat. Das ist erstmal wenig, aber damit sind keine Steherrennen im Endspiel möglich. In der Grundversion noch nicht. Und die dicken Würfel aus der BOULEVARD-Erweiterung haben es tatsächlich auch ins ROYALE geschafft. Siehste, hat mir nicht allein schon damals gefallen.

Ja und, warum sollten Sie LAS VEGAS ROYALE nun kaufen? Ich hätte da noch ein Ass im Ärmel… Es gibt da noch die acht doppelseitig bedruckten Tafeln. An drei der sechs Seiten des sechseckigen Casino-Rings rund um die Würfelarena werden sie angelegt. Genauer: An die Casinos für Einer, Zweier und Dreier. Da liegen in LAS VEGAS ROYALE die am wenigsten wertvollen Geldkarten. Hatte ich noch nicht erwähnt!? Je zwei Geldkarten pro Casino werden aufgedeckt, dem Wert nach geordnet und dann absteigend vom Sechser- zum Einer-Casino angelegt werden. Deshalb der Bonus für die „kleinen“ Casinos in Form der Tafeln.


Ist das wirklich ein Bonus? Die Tafeln kann ich nutzen, wenn ich Würfel auf die Casinos mit Tafel lege. Entweder es kommen zusätzliche Glückskomponenten ins Spiel oder ein, zwei Ärgerfaktoren. Ärgern finde ich ja noch ganz gut, weil leidlich interaktiv, allerdings auch nicht zwingend notwendig. „Bad Luck“, „Block it“ und „Knock Out“ sind schon nett, der Rest der Tafel ist mir egal. Ganz schlimm aber sind die Tafeln, die zusätzliche Chips in Spielerhände bringen. Je mehr Chips im Spiel, desto länger die Partie. Aus einem schlanken und aufs Würfeln fokussierten Spiel wird ein zähes Steherrennen. Denn wenn mir ein Wurf nicht passt, lege ich einen Chip zurück in den Vorrat. Runde um Runde. Das dauert so lange, bis dem ersten Steher die Chips ausgehen. Chips entpuppen sich als die eigentliche Währung und gutes Druckmittel im Spiel, die Würfelei verkommt fast zur Nebensache. Darf das sein? Muss das sein? Zwei Chips wie in der Grundausstattung ohne Tafeln sind ja gut und schön, aber jedweder Nachschub an Chips wirft LAS VEGAS ROYALE dann doch aus der Bahn.

Ach, was war das ursprüngliche LAS VEGAS doch für ein elegantes Spiel. Kein Schnickschnack, alles passend. Glück und Frust gleichermaßen am Spielspaß beteiligt. Das Material im alten Spiel ist o.k.. In LAS VEGAS ROYALE wirkt alles nur noch wie billiges Blendwerk. Ne, das lasse ich gerne aus. Da hat Ravensburger bzw. Alea das Royal Warrant souverän verspielt. Hauptsache, Ravensburger wiederholt den Fehler mit dem armseligen Material nicht nochmal. Wäre dann doch zu schade…

Diese Rezension erschien zuerst in der
Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

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