Montag, 11. Oktober 2010

Rezension: Identik

William P. Jacobsen + Amanda A. Kohout: IDENTIK für 3 und mehr Spieler bei Asmodee 2009, zuerst veröffentlicht in Fairplay 91

Malen nach Gehör

Sie und ich, wir beide spielen jetzt und auf der Stelle eine Partie IDENTIK. Ist gar nicht so schwierig, los, machen Sie schon, holen Sie sich ein Blatt Papier und einen Bleistift, möglichst einen mit Radiergummi. So welche sind schließlich auch in der Schachtel … Haben Sie's parat, sind Sie bereit zu zeichnen? Und was, bitte schön? Gut, dass Sie mir diese Frage stellen, ich gebe Ihnen nur noch keine Antwort. Malen Sie lieber erst noch einen Kasten auf Ihr Blatt, in etwa 6x6 cm. Dann geht es los … Sind Sie bereit?
Ich starte die Zeit. 90 Sekunden habe ich, um Ihnen möglichst viele Einzelheiten des Bildes zu beschreiben. Die Zeit läuft … Das Bild heißt Ostern! Links im Bild füllt ein halber Baum das Bild, zu sehen ist nur der halbe Baumstamm und ein Wurzelausläufer. Rechts neben dem Baum steht ein in weiß gekleidetes Pferd, es könnte auch ein Esel sein, der zwei Hasenzähne besitzt. Um die Füße des Osterpferdes liegen ein paar Eier, im Hintergrund ist Buschwerk zu sehen, im Himmel befinden sich drei Wolkenteile, das Pferd schielt … Schluss, Aus, Ende! Die Zeit ist um. Nu' zeigen Sie mir mal Ihr Bild, ich zeige Ihnen meines: Das Cover der Fairplay 87. Gut, Ostern ist ja schon vorbei, aber das eine oder andere Osterei liegt bei Ihnen bestimmt noch rum.
Und Ihr Bild?! Was soll das bitte sein? Der Hase hat ja gar keine Ohren, trägt gar keinen Rucksack mit Schachteln drin … das habe ich Ihnen sehr wohl erklärt … habbich nicht? Was soll's, Ihr Bild sieht nur in etwa so aus wie meines und ums zeichnerische Geschick geht’s ja auch gar nicht. Es geht hier um Punkte, und die gibt es nur, wenn Sie das gemalt haben, was gefordert ist. Auf jeder Karte mit dem Bild stehen 10 Tatsachen, die überprüft werden. Hat das Pferd zwei Hasenzähne? Ja oder nein? Es hat drei … dann gilt es nicht, nur dann wenn nach mehr als zwei Hasenzähnen gefragt worden wäre. Liegen rechts und links vom Osterpferd mindestens fünf Ostereier? Ja, dann gibt’s Punkte. Und wenn das die Frage wäre, die vorher mit einem Zehnseiter ausgewürfelt worden wäre, dann gäb's jetzt zwei Extrapunkte … was eigentlich völlig überflüssig ist. Ich als Beschreiber darf mir einen Punkt notieren, wenn mindestens einer von den Mitspielern – zu zweit nur Sie – eine Tatsache so wie gefordert gemalt hat. Jetzt die nächste Tatsache. Das Osterpferd steht rechts vom Baum? Ich meine nicht vom Osterpferd aus gesehen, ich meine rechts vom Baum. Also rechts ist bei mir da, wo meine rechte Hand ist. Genau so habe ich es beschrieben, die Diskussion über rechts und links führt doch zu nichts. Rechts ist auf dem Bild rechts, Schluss, Aus, basta! … Haben Sie Ihre Punkte notiert? Können Sie natürlich machen, ist aber eigentlich nicht so wichtig. IDENTIK spielt man um des Spielens willen, das ist gut, vielleicht sogar besser. Wenn man gewinnt, ist auch schön, aber es muss nicht um jeden Preis sein.

Was der Verlag allerdings so richtig verbockt hat, sind die beiliegenden Malblöcke. Passt nur ein Bild drauf, und auf der Rückseite ist ein Abrechnungsbogen. Das ist wenig nachhaltig, denn man braucht nur einen, vielleicht zwei Abrechnungsbögen, aber tausend und mehr Blätter vom Malblock. Da kann man auch gleich auf Schmierpapier malen oder auf Bütten, wenn man die Machwerke der Mitspieler ausstellen will. Kann sich durchaus lohnen. Was allerdings richtig gut ist, sind die Radiergummis auf den Bleistiften. Manchmal sind die Erklärungen so vage, dass man doch radieren muss. Dass die Bleistifte selbst nur eine halbe Portion sind, hingegen weniger. Aber was soll's, die Vorteile überwiegen gegenüber den Nachteilen bei weitem. IDENTIK ist ein tolles Spiel. Und das Malen nach Gehör wird geübt, genauso wie akkurates Beschreiben der Bilder. Und lachen kann man bei dem Spiel auch üben, sollte man das als „echter“ Spieler bisweilen vergessen haben.

Wolfgang Friebe

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