Montag, 11. Juni 2012

Rezension: Eselsbrücke von Schmidt Spiele

Mittlerweile gibt es eine Version mit modifizierter, abgeschwächter Wertung. Die Strafen sind längst nicht mehr so drakonisch, weshalb es die ESELSBRÜCKE tatsächlich noch verspätet auf die Nominierungsliste geschafft hat. In der Schattenliste der Fairplay (Ausgabe 96) zum Spiel des Jahres 2011 wurde die ESELSBRÜCKE bereits genannt. Dies ist die Rezension aus der Fairplay 96, bezieht sich also auf die erste Auflage.

Demnächst folgt noch ein Interview.

Werkzeugkoffer für Personaltrainer

Ralf zur Linde und Stefan Dorra: ESELSBRÜCKE für 3 bis 6 Personen (oder Teams), Schmidt 2011

Ich könnte Geschichten erzählen. Dies und das. Wohlgefälliges und Abfälliges. Natürlich immer nur Wahres. Dafür brauche ich keine Eselsbrücken, das ist alles in meinem Elefantengedächtnis abgespeichert. Ich kann aber auch andere Geschichten erzählen. Ausgedachte. Ad hoc erfundenen Irrsinn. Neuerdings haben sich einige fest eingebrannt: Die von einem Monster, das große Augen machte, als seine Frau ihr Nachthemd lüpfte und … oh Gott … ein Ringelschwänzchen! Oder der Cowboy, der bei seiner Flucht aus dem Gefängnis mit seiner Gurken-Pistole Knöpfe verschoss, aber nur die Muschel im Fass traf. Und, haben Sie die Schlüsselwörter erkannt? Wenigstens eines, eines doch ganz bestimmt? Wie wär's mit Nachthemd. Naja, Sie haben ja vorher auch nicht eines der, manchmal sogar witzigen, augenzwinkernden oder hintergründigen Kärtchen gesehen, auf denen die Schlüsselbegriffe dargestellt sind. Ohne diese Bilder fällt es Ihnen bestimmt schwer, auf die richtigen Begriffe zu kommen.
Mir fällt etwas ganz anderes schwer. Wenn ich mir jetzt die Kärtchen anschaue, schneien mir Versatzstücke alter, bereits gehörter Geschichten ins Gedächtnis. Das ist so wie das Rauschen eines schwachen Radioprogramms, alles schwirrt durcheinander, aber so richtig kann man sich darauf keinen Reim machen. Und auf die Geschichte meines Mitspielers mag ich dann auch nicht mehr richtig hören. Ich gebe zu, ich fühle mich mit jeder neuen Partie überfordert. Jedenfalls wenn die Abstände zwischen den Partien zu kurz sind. Ich brauche mittlerweile längere Pausen, um alte Geschichten zu vergessen. Nur gute Geschichten, die kann ich erstmal nicht vergessen.
Können Sie sich überhaupt etwas merken? Auch wenn es Ihnen nicht leicht fällt, mit ESELSBRÜCKE haben Sie das richtige Werkzeug, um Ihre Merkfähigkeit zu erhöhen. Das sogar noch bei Ihrem Lieblingszeitvertreib zusammen mit Ihren Mitspielern. Leider, leider wird sicher auch das eine oder andere Mal ganz viel Frust hochkommen, wenn man sich nichts merken kann oder wenn sich die nichts merken, denen man gerade eine tolle Geschichte erzählt hat. Die Bissspuren in der Tischkante werden zahlreicher. Haben Sie eigentlich schon meinen Küchentisch gesehen? Ohne Tischdecke?
An sich könnte die ESELSBRÜCKE auch aus dem Werkzeugkoffer eines Personal-Trainers stammen, der im Auftrag der Geschäftsführung uns dummen Mitarbeitern mehr Leistung beibiegen will. Schade für alle teuren Seminaranbieter, denen Ralf zur Linde und Stefan Dorra ihren Job streitig machen. Oder haben sich die beiden ihr „Spiel“ einfach bei denen abgeguckt? Waren sogar beide bei einem Gedächtnistrainer zwecks Ideenfindung?
Und wie geht es nun? Wie spielt man ESELSBRÜCKE? Liegt Ihnen diese Frage wirklich am Herzen? Wollen Sie mit mir Geschichten um Schlüsselbegriffe stricken, die mit einigem Abstand und nach ein paar neuen Geschichten memoriert werden müssen, um die Schlüsselbegriffe auf den gezogenen Kärtchen zu benennen? Die Kärtchen werden übrigens reihum verteilt, wenn sich die Mitspieler wieder an die Geschichte von vor zwei Runden erinnern müssen. Damit haben sie – na was wohl? - eine Brücke, über die fast jeder Esel gehen kann. Und mancher wird sich da als echter Esel beweisen und selbst den ausgeschilderten Weg über die Brücke nicht finden. Das wird übrigens umso schlimmer, je mehr Geschichten erzählt und memoriert werden müssen. Fünf Geschichten sind's, zwei mit drei, zwei mit vier und eine mit fünf Begriffen.
Spielen Sie die ESELSBRÜCKE mal zu sechst. Da schwirrt selbst ausgebufften Elefanten der Kopf. Und glauben Sie mir, für Einsteiger, Unbedarfte, Vergessliche sind selbst nur drei Geschichten pro Mitspieler eine echte Herausforderung. Und deshalb spiele ich … nein, nein, natürlich spiele ich ESELSBRÜCKE immer noch gerne, aber höchstens drei Runden. Ich bin ja kein Sadist, ich will mich ja nicht selbst quälen, höchstens mal meine Mitspieler. Aber deshalb gönne ich mir auch längere Pausen zwischen jeder ESELSBRÜCKE, um das Rauschen der Geschichten loszuwerden.
Es gibt da aber noch ein paar schicke und gemeine Details, die Sie wissen sollten. Ganz wichtig ist die Wolke, auf die zu Beginn ein Kärtchen gelegt wird. Das wird natürlich allen gezeigt, und das sollte man sich auch gut merken. Es ist nur für den Fall, dass man ein Kärtchen nennen muss, das man selbst auf der Hand hat. Das wäre zu einfach, aber es kann vorkommen. Ganz einfach, weil die Mitspieler sich gegenseitig Kärtchen genannt haben, nur Ihres nicht. Dann muss man das Kärtchen auf der Wolke richtig benennen. Auch wenn man es falsch macht, als neues Kärtchen kommt dann Ihres – ohne gezeigt zu werden – auf die Wolke. Wissen die anderen dann noch um Ihr Kärtchen?
Richtig ärgerlich sind Strafen, weil sie gehörig ins Punktekonto gehen. Wer ein Kärtchen nicht benennen kann, muss bereits gewonnene Kärtchen aus früheren Runden abgeben. Und das werden immer mehr, in der fünften Runde sind es sieben. Gut, dass man sich gegen übermäßige Strafen schützen kann. Immer wenn die Kärtchen der eigenen Geschichte fehlerfrei genannt werden, gibt’s einen Stop-Esel, der auf den eigenen Stapel kommt. Bis hierher – einschließlich des Esels – muss man maximal abgeben. Das ist ja schön, werden Sie denken, aber man muss schon gute Mitspieler haben, die keine Fehler machen. Und das ist um so bitterer, wenn der Spieler Ihnen gegenüber zu seiner Linken gute Mitspieler hat und ständig Stop-Plättchen abgreift, Sie aber zu Ihrer Linken die größten Gedächtnisversager sitzen haben. Stop-Plättchen entscheiden dann über Sieg oder Niederlage. Langer Rede kurzer Sinn: Reduzieren Sie die Strafen. Sieben Kärtchen abgeben zu müssen ist echt happig. Viel zu happig.
Ein Detail ist wirklich ärgerlich, weil doch die Ausstattung eigentlich perfekt sein könnte. Der mitgelieferte Stoffsack ist zu klein für die Plättchen. Die 180 Kärtchen passen zwar gerade so hinein, aber sie lassen sich dann nicht mehr gut mischen, ohne dass zuhauf welche heraus fallen. Aber in jedem guten Haushalt sollte sich doch eine Stofftasche finden lassen, in die man stattdessen die Kärtchen stecken kann. Und wer weiß, vielleicht gibt’s ja am Schmidtschen Messestand bald große Stoffbeutel für die ESELSBRÜCKE. Und ob's bei 180 Kärtchen noch neue geben wird, wer weiß. Vielleicht ein paar spezielle Karten, um ESELSBRÜCKE dann tatsächlich professionell und nicht nur spielerisch einzusetzen.
Und übrigens: ESELSBRÜCKE lässt sich im Team auch mit mehr als „nur“ sechs Personen spielen. Immer zwei zusammen merken sich die Kärtchen, abwechselnd wird erzählt. Das klappte in meiner Runde so perfekt, dass es keinen echten Gewinner gab. Alle Teams hatten gleich viele Plättchen, so gut ist das beim Solo nie gelungen. Aber es haben sich auch alle angestrengt, es ganz entspannt angegangen, da gab es keinen Destruktivus. Der kann nämlich ganz perfide zuschlagen. Statt eine hübsche Geschichte erzählt er so: Es war einmal ein Cowboy mit einer Gurke und einer Muschel. Schluss, Ende, Aus! Kann man sich prima merken, macht auch genauso viel Spaß. Und statt den anderen Geschichten zu folgen, strickt er schnell eine für sich selbst. Oder noch schlimmer, fällt den anderen ins Wort, um seine eigenen Assoziationen den anderen aufzubürden. Zugegeben, letzteres mache ich auch manchmal, wenn einer zu ausschweifend oder nur stockend erzählt. Aber mit einem vorsätzlichen Destruktivus, der ESELSBRÜCKE nur um der Punkte willen spielt, möchte ich gar nicht spielen.

Wolfgang Friebe

Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

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