Donnerstag, 1. September 2016

Rezension: Hart an der Grenze von Kosmos

Nachdem wir beim  316. Montagsspielen SHERIFF OF NOTTIGHAM gespielt haben, gibt's hier aus der Fairplay 76 die Rezension zum sehr ähnlichen HART AN DER GRENZE. Dieser alte Kosmos-Titel scheint noch gesucht zu sein. Ob der neue Nottinghamer Sheriff an seine Stelle treten kann? Dieser Sheriff an der Grenze ist mindestens genauso schmierig wie der aus Nottingham.


Die Nase gefällt mir nicht

So ist das im Leben: Die Fakten können noch so offensichtlich sein, wer achtet schon darauf? Zum Beispiel darauf, dass mein rechter Nachbar gerade vier Karten durch den Zoll geschmuggelt hat. In der letzten Runde waren es schon drei, ohne dass er erwischt, geschweige denn kontrolliert wurde. Und Kohle hat der auch schon satt gemacht. Dieses Unschuldslamm – dass er sich noch nicht getraut hat, gleich fünf Karten zu deklarieren. Mehr gingen sowieso nicht. Soll mal bloß nicht so tun! Mehr als die Hälfte illegal, Zigarren, Tequilas oder Statuen waren ganz bestimmt im Koffer. Oder war überhaupt gar keine legalen Karten im Koffer!?

Und wer muss seinen Koffer öffnen? Ich habe doch nur drei Karten dabei, selbstverständlich ist keine illegal. Es sind drei Sombreros im Koffer! Warum glaubt mir der Sheriff das nicht? Aber dieser Typ ist ein ganz Gewiefter, sitzt schon seit Jahren mit mir am Spieltisch. Kennt jeden Mitspieler aus dem Effeff. Da laufen die Entscheidungen subtiler ab - manchmal vorsätzlich, manchmal gänzlich unbewusst schleichen sich sachfremde Erwägungen ein. Das hatten wir schon einmal. Bei INTRIGE … da konnte man auch nach Gutdünken spielen, bei HART AN DER GRENZE ist es nicht anders. Wer will sich schon immer davon freisprechen, es einem alten Widersacher nicht mal tüchtig heimzuzahlen und offenen Rechnungen aus vergangenen Partien zu begleichen.

Aber will man wirklich so werden wie der schmierige Sheriff auf dem Cover, sich von persönlichen Eitelkeiten leiten lassen?! Nö, natürlich nicht. Es ist doch nur Glück oder Pech, Koffer auf oder zu? Also deklariert man zwar immer die richtige Anzahl an Karten, aber nur selten die richtige Art. Außer man ist immer der Dumme, der nur legale Karten vom Stapel zieht. Mit Krügen, Rasseln und Sombreros kommt man nicht weit, nur die illegalen bringen richtig viel Kohle ein. Und wir Deutsche sind Profis im profitieren, uns macht keiner so leicht was vor.


Weit gefehlt, ich habe Mitspieler erlebt, die sich kaum merken konnten, was sie vor fünf Sekunden in den Koffer gelegt haben. Und Leute, denen man an der Nasenspitze ansehen konnte, dass sie nicht gut lügen. Wir sind doch ein grundehrliches Völkchen, deshalb fällt es uns auch immer schwer, Schmiergelder zu verteilen oder gar anzunehmen. Wer immer in der Runde Sheriff ist, sollte offensiv Schmiergeld einfordern und zwar nicht zu knapp. Einmal pro Runde kommt jeder an die Reihe. Wer sich mit einer Hand voll Dollar abspeisen lässt, ist selbst schuld. Aber wie war das noch mit uns Deutschen? Immer ehrlich, immer treu. Aber bitte, auch die Rolle des korrupten Sheriffs richtig ausleben. Eigentlich müsste uns Deutschen diese Rolle doch liegen ... die anderen zurechtweisen und stramm stehen lassen, das kann doch jeder Nachbar. Manchmal trifft man tatsächlich auf Typen, die nur legales Zeug im Koffer haben und die sich dann einen Ast freuen, wenn man sie erwischt. Dann geht der Sheriff leer aus und die Kasse zahlt eine kleine Entschädigung. Junge, Junge, als ehrlicher Schmuggler kommt man nicht ins Finale!

Schluss jetzt mit persönlicher Befindlichkeit. Ich habe mit diesem Spiel ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Da gab es eine Runde, die ist mit HART AN DER GRENZE gar nicht warm geworden. Denen war das Spiel zu glückslastig, kamen irgendwie gar nicht mit der Rolle des Sheriffs zu recht. Es ist in diesem Spiel ja auch außerordentlich dumm, darauf zu bestehen, den Koffer öffnen zu wollen. Und mag es noch so deutsch sein. Zwar verliert der erwischte Schmuggler seine Karten und muss Strafe zahlen, aber im Vergleich zu den nicht erwischten Spielern macht der Sheriff keinen Gewinn. Wer unkontrolliert durch den Zoll gelangt, macht in diesem preußisch korrekten Durchgang größeren Reibach. Vorausgesetzt er hat auch richtig wertvolles Schmuggelgut dabei.

Für den Sheriff ist es allemal besser sich am Gewinn des Schmugglers zu beteiligen – und zwar ausreichend. Schmuggler und Sheriff teilen sich die Beute dann bestenfalls Fifty-Fifty. Man muss nur als Sheriff nachdrücklich auf seinem Anteil bestehen und bloß nicht zu wenig fordern. Manchmal trifft man aber trotzdem auf Sturköpfe, die den Sinn der Bestechung nicht verstehen. Die lassen sich dann die Karten abnehmen, nur damit der Sheriff nichts bekommt, zahlen lieber die Strafe und verlieren obendrein auch noch alle illegalen Karten. Das macht für eine einzige Zigarre immerhin 12 Dollar Verlust. Auch das habe ich erlebt. Und auch das Gegenteil. Statt dem armen Schmuggler entgegen zu kommen, wurde die Forderungen des Sheriffs immer unverschämter, dass dem Kofferträger nichts anderes blieb, als auszupacken.

Wenn jeder einmal im Spiel und zusätzlich zur normalen Kontrolle einen Koffer beschlagnahmt hat, geht es ruhiger zu. Dann lässt es sich ungenierter schmuggeln. Manchmal ist dann auch die Luft raus, weil man bei einer Kontrolle nicht mehr so viel verlieren kann. Wer lässt sich schon gerne durch Beschlagnahme drei Statuen abnehmen, die noch dazu an den Sheriff gehen?

Man sollte auch immer darauf achten, wer in einem Durchgang für wie viele Dollar Zeug verkauft oder Karten unter seinem Koffer verschwinden lässt. Entweder man verkauft sofort oder am Ende zum doppelten Kurs. Aber nur die Karten, die nach einem Durchgang unter die Koffer gelegt wurden. Natürlich sind da wieder illegalen Waren vorne weg, aber dann ist auch das Risiko sehr groß, darauf hängen zu bleiben. Am Schluss darf nur eine bestimme Anzahl verkauft werden. Das ist gesetzlich so geregelt. Und wer dann die meisten Karten einer Sorte hat, verkauft auch zuerst. Die anderen gucken in die Röhre. Gerade deshalb gilt: Reiche Schmuggler oder ganz dreiste sollte man wirklich genauer unter die Lupe nehmen. Lassen Sie sich da bloß nicht von sachfremden Erwägungen leiten, bleiben Sie hart am Spiel und stellen sich den Realitäten!


HART AN DER GRENZE kann aber auch funktionieren, wenn man sich keine tieferen Gedanken macht. Man sollte sich nur irgendwie darauf verlassen können, dass man sich mit dem Sheriff einigen kann. Ist ja schließlich in beiderseitigem Interesse, eine für beide Seiten erstrebenswerte win-win-Situation herbei zu führen. Und das ist gerade Korruptionsneulingen nicht immer klar. Eine recht unbedarfte große Runde – die volle Besetzung – hat sich über Versprecher, doppelte Bluffs und undurchsichtige oder eher ungeschickte Sheriffs köstlich amüsiert. Zielgerichtetes spielen war das zwar nicht, aber ein überaus lustiges Glücksspiel. Nur über die Eindollarnoten wurde geflucht, denn die gehen bei bei sechs Personen zu schnell aus. Wechseln kann so nervig sein, zumal das Spiel ansonsten ziemlich opulent, wenn nicht gar überflüssig ausgestattet ist. Im Grunde hätte das ganze Spiel auch in eine wesentlich kleinere Schachtel gepasst, wenn nicht für jeden ein hübscher kleiner Blechkoffer bereit läge. Klar, ohne ginge es auch, eine reine Kartenlösung wäre vorstellbar, aber nur die Köfferchen rechtfertigen Schachtelgröße und Preis. Die Regel hat in Sachen Koffer sogar noch einen Tipp parat: Es sei besser, sie nicht immer ganz fest zu verschließen. Das hemmt den Spielfluss, wenn man sich vor der Deklarationsrunde erstmal wieder vergewissern muss, wie viele Karten überhaupt im Koffer sind. Tatsächlich, bei manchen reicht das Gedächtnis keine fünf Sekunden weit. Oder ist das nur ein ausgeklügelter Bluff?

Ich greife immer zum Alukoffer, das ist der mit den Einschusslöchern. Wenn schon sachfremde Erwägungen, dann als richtige Zielscheibe. Nur Profis tragen solche Koffer durch den Zoll. Die fünf anderen Koffer sind mir viel zu spießig, nur der Catan-Koffer gefällt mir noch gut. Wer mehr Catan-Koffer haben will, kann sie sogar einzeln online im Catan Shop nachbestellen. Vielleicht um damit das gute alte ZOLL von MB richtig aufzumotzen. Das funktioniert so ähnlich wie HART AN DER GRENZE, dauert aber entschieden länger. Aber die Wurzeln von HART AN DER GRENZE liegen unverkennbar in diesem Spiel, das liegt wohl in der Natur des Schmuggelns. Vielleicht hat es das Spiel sogar bis zu den Autoren nach Brasilien geschafft? Immerhin ist MB ja international tätig. Oder liegt den Brasilianern schmuggeln und bescheißen im Blut? Oder den Amis? Den der Sheriff ist unter garantiert ein schmieriger Amerikaner, der sich auf diese Weise ein paar Dollar dazu verdient. Oder kennen Sie ein Land, in dem die Gesetzeshüter auch heute noch Sheriff heißen. Er ist mit Sicherheit kein armer, unterbezahlter und katholischer Mexikaner, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Alles andere wäre politisch absolut inkorrekt. Fast so wie der Titel. Denn was ist schon aus den Spielen geworden, die ähnlich abstoßend heißen. HÄNDE WEG oder SO EIN MIST sind mir in schlechter Erinnerung geblieben. Aber nein, so schlecht ist HART AN DER GRENZE nicht, weder geschmacklich noch spielerisch. Nur könnten in Zukunft sachfremde Erwägungen andere Partien beeinflussen. Wehe dem Sheriff, bei dem ich mal meine Hosen runterlassen musste ...

Wolfgang Friebe

HART AN DER GRENZE von André Zatz und Sergio Halaban für 3-6 Personen, Kosmos 2006


Zuerst veröffentlicht in der Fairplay


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