Montag, 30. November 2015

Das Ende aller Spielekritik (XIII) – Der Vorsprung schmilzt dahin

Ist schon länger her, da hat sich der damalige Herausgeber des Guardians Alan Rusbridger darüber ausgelassen, wie hoch der Abstand der Journalisten zum Wissen der Leser sei. Früher – wie weit das auch immer zurückgehen mag – lag der Abstand für ihn bei 90%, heute liegt er nur noch bei 30%, weshalb es schwierig sei, für eine Zeitung mehr Geld als früher zu verlangen.

In einer speziellen und kleinen Szene wie der unsrigen haben wir wohl eine ähnliche Entwicklung durchgemacht. Als nur ein paar ganz wenige über Spiele schrieben, war der Abstand zum Wissen der Leser bestimmt sogar noch größer als 90%. Wer kannte denn damals mehr als die üblichen Klassiker und ein paar Spiele von Ravensburger oder Schmidt?

Der Wissensvorsprung blieb eine längere Zeit auch noch so bestehen. Erst kamen die Internationalen Spieletage in Essen und mit ihnen ein Haufen Fan-Magazine. Gedruckte Magazine kenne ich heute nur noch zweieinhalb und das Experiment Spiel doch! Dafür gibt es im Internet Infos in Hülle und Fülle aus allen möglichen Quellen.

Wer will, kann sich dort zeitnah über neueste Neuerscheinungen informieren, könnte deren Regeln lesen oder sich in Foren mit Wissenden darüber austauschen. Meinungen sind mittlerweile rasend schnell verbreitet, noch bevor ich ein Spiel auch nur ein Mal gespielt habe. Da muss man schon als Rezensent einen Mehrwert liefern, um nicht in der Flut an Informationen unterzugehen.

Naheliegend ist natürlich fundierte Meinung. Die zeitnah zu formulieren erfordert großen Einsatz, denn die Spiele wollen natürlich auch gespielt werden, dazu noch in unterschiedlichen Gruppen. Nicht zuletzt ist Erfahrung gefordert, um die Spiele vernünftig einzuordnen, im Kontext zu bewerten. Was war schon alles da, was ist neu und interessant? Und natürlich: Welche Emotionen löst ein Spiel aus?

Die Frage dann: Kann das nicht auch irgendwer leisten, der hin und wieder seine Meinung in einem Szeneforum postet? Klar, aber wer in der Szene bestehen will, muss sich beweisen. Gute Schreibe, zeitnahe und vor allem ehrliche Kritiken. Gibt's da noch mehr? Die negativen Entwicklungen und Aspekte aufzuzählen fällt mir da leichter. Ich weiß, was ich nicht lesen oder anschauen will. Aber das hier hinzuschreiben, kann ich mir getrost klemmen. Fundierte und unterhaltsam geschriebene Meinung ist eh besser. Wer nur Informationen liefert, Regeln erklärt und Spiele detailliert beschreibt, ist dem Dilemma, nur wenig mehr zu wissen als seine Leser, viel eher ausgeliefert. Gerade in unserer Nische, wo es von Profis nur so wimmelt.


Im Übrigen ist nur die Seite echt, in der das Logo auf den Bildern zum Logo oben auf der Seite passt. Alle anderen Seiten haben sämtlichen Inhalt von meiner Seite gestohlen.

1 Kommentar:

  1. Wissen ist doch schon längst kein Vorsprung mehr! Nur unsere Schulen sind noch fest davon überzeugt, dass Wissensvermittlung wichtiger ist als die Fähigkeit, sich schnell und umfänglich Wissen anzueignen. Wenn ich heute etwas nicht weiß, eigne ich es mir an.

    Die klassischen Prinzipien des Versteckens von Wissen (z. B. hinter einer zertifizierten Ausbildung oder der Mitgliedschaft in einem elitären Verband) sind heutzutage ausgehebelt. Im Gegenteil: Es wird sogar schon enorm viel augenscheinliches Wissen produziert, um von Wahrheiten abzulenken. Nur wenige Themen existieren noch, die ein tatsächliches Expertentum bewahren, meist verbunden mit einem unglaublich persönlichen Engagement einzelner.

    Bei Spielen interessieren mich Experten nicht. Was heißt denn da überhaupt Experte? Wer mißt denn, wann Expertise anfängt? Hat der Experte mehr Spaß am Spielen als ich? Versteht der die Spiele besser und kann da mehr rausholen für's Geld? Nur weil er sich mit dem Thema auseinandersetzt? Muss ich darum auch Experte sein? Das erscheint mir seltsam.

    Quatsch. Wie jeder andere Mensch urteile ich über weiche Faktoren: Da kann mir der Experte 1000x erzählen, ich solle genau _den_ Fernseher kaufen. Wenn mir ein Freund sagt: "Hmmm, den fand' ich aber nicht so gut, ich hab' mir _den_ gekauft", überlege ich mir das ganze nochmal.

    Darum: Mich interessiert, ob mir ein Mensch sympathisch ist, ob er mir seinen Spielspaß vermitteln kann (was wiederum mit Schreibfähigkeiten zu tun hat). Mich interessiert, ob ich meine Vorlieben für bestimmte Spielmechaniken in Beschreibungen und Schilderungen wiederfinde. Ob meine Spielsituation (z. B. Familienzusammensetzung) ähnlich ist. Da kann ich urteilen, ob ich mein karges Taschengeld in eine Pappbox investiere oder nicht.

    Das Expertenwissen kann ich mir auch bei BGG holen.

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