Sonntag, 31. August 2014

Das Ende aller Spielekritik (VII) - Küchenpsychologie

Mein Nachbar hat ein neues Auto. Und was für eine unmögliche Karre. Ein nicht so netter Mitspieler hat ein neues Spiel. Und was für ein doofes Spiel. Das ist ja wirklich grottig. Diese Reaktionen kennen Sie nicht? Vielleicht sind Sie ja der Nachbar oder der nette Mitspieler und wissen von all' den Abwertungen gar nix, wollen auch gar nix wissen. Oder buchen das alles unter Neid ab. Richtig so. Aber es geht natürlich auch anders herum: Ich hab' mir ein Spiel gekauft und alle auch noch so objektiven Einwendungen zählen nix, aber auch gar nix. Wär' ja auch zu doof, wenn ich Geld zum Fenster rausgeschmissen hätte.

Klar, dass es sowas in der Szene auch gibt. Ich hab's entdeckt, das beste, das tollste, das Überspiel … und in der nächsten Saison entdecke ich wieder das beste, das tollste, das Überspiel überhaupt, bejuble es als das ultimative Spiel mit höchstem Wiederspielreiz. Nach drei Mal spielen? Jedes neue Spiel ist doch immer besser als alle voran gegangenen. Muss ja, sonst würde man sich ja selbst als Spielejournalist in Frage stellen. Wo kämen wir denn da hin, wenn Spiele nicht auf kurze Sicht immer besser würden? Und das ist klar wie Kloßbrühe, sobald ich den Prototypen spielen darf. Ich schreibe hier bewusst „darf“, weil ich so manches Mal den Eindruck habe, dass es für popelige Rezensenten eine Ehre ist, einen Prototypen zu spielen. Schließlich kann man daraus jede Menge Klicks generieren, wenn man so ein Spiel vorab ordentlich abfeiert. Und am Ende bedankt man sich womöglich noch beim Verleger, dass er so nett war, mit ihm über das Spiel in aller Breite reden zu dürfen. Wem nützt das wohl mehr? Dem Verlag oder dem Rezensenten?

Und dann dieser Entdeckerstolz. Tja, ein echter Kenner erkennt eben auf Anhieb alle guten Spiele und teilt gerne seine Erkenntnis. Schlechte Spiele – gibt’s die noch? Wer entdeckt eigentlich das schlechteste Spiel eines Jahrgangs? Hätte Erik der Rote nicht den Isländern von „Grünland“ erzählt, wäre ihm keiner nach Grönland gefolgt. In diesem Sinne … ist jetzt Schluss mit dem „Ende aller Spielekritik.“

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