Dienstag, 11. Februar 2014

Rezension: Yedo von eggertspiele

Wolf Plancke und Thomas Vande Ginste: YEDO für 2-5 Mitspieler mit Illustrationen von Franz Vohwinkel bei eggertspiele 2012, Vertrieb bei Pegasus Spiele

Grüße von Anjin-San

Das Thema weckt sofort Erinnerungen. Ganz bestimmte „Bilder“ kommen hoch: Die aus James Clavells Roman Shogun. Noch bevor ich das Buch gelesen habe, hab’ ich natürlich die TV-Serie gesehen. War zu Beginn der 80er. Mittendrin der Bartträger und Langnase Anjin-San, englischer Seefahrer und Anfang des 17. Jahrhunderts in Japan gestrandet. Noch heute frage ich mich, wie die Japaner mit all den politischen Ränkespielen, mit Mord und Totschlag leben konnten. Ganz schön brutal damals. Und wie soll ich heute halbwegs erfolgreich YEDO überstehen?
Lange hab’ ich kein Spiel mehr gespielt, bei dem es so direkt zur Sache geht, ich mich sehr den Launen der Mitspieler oder des Schicksals ausgeliefert fühle. Alles ganz böse Intrigen! Wenigstens darf ich auch ganz fies sein. Hui … Ist das überhaupt ein Spiel für Sie? Bei den weichgespülten Eurogames der letzten Jahre …, die doch nur selten direkte Konkurrenz oder echtes Hauen und Stechen erlauben. YEDO ist, was das Aggressionspotenzial angeht, schon eine echte Zumutung. Bin ich gar nicht mehr gewöhnt. Gerade an Demut mangelt es mir. Ich will’s einfach nicht hinnehmen, dass eine Zufallskarte oder ein maliziös lächelnder Mitspieler meine Pläne durchkreuzt. Wie war das noch im alten Japan? Was hat Anjin-San alles mitmachen müssen? Ich hab’ da noch eine schöne Ereigniskarte … für den rechten Moment. Wart's nur ab! Die Rache ist mein. Jetzt oder in der nächsten Partie.
Und wie schütze ich mich vor Fehlern? Es sind schon eine Menge Details zu beachten, da kommt man schnell mal in Verdrückung. Sicher passt immer ein achtsamer Mitspieler auf, greift lautstark ein, wenn jemand Einkommen für einen Palastausbau verlangt, den er gar nicht besitzt. Da kann der Delinquent noch soviel lamentieren, dass die Symbole ja so klein oder die Ausbauten so schwer zu unterscheiden sind. Da wird mit der Hand auf den Tisch geklopft. Nur nicht zu fest, falls da noch ein Ring im Spiel sein sollte. So wie bei meiner Mitspielerin. Blöd, dass der Tisch ebenso wie der Ring aus Glas besteht. Da macht es „Peng!“ und der Ring zersplittert. Na wenigstens war nicht nur der Gegenspieler beeindruckt.
YEDO löst jede Menge Emotionen aus. In dem Gespinst aus Plänen, Intrigen und Zumutungen nur zu verständlich. Aber wer kann heute noch mit einer solchen Bandbreite an Gefühlen wirklich umgehen? Zumal in einem Spiel? … German-Gamer? Euro-Gamer? Ach, für dieses Wechselbad der Gefühle nehme ich gerne in Kauf, dass eine Partie deutlich länger dauern kann als bei jedem friedvollen, liebenswerten und leichtgängigen Optimierungsspiel. Aber seien Sie vorsichtig: In YEDO steckt halt mehr echtes Leben als manchmal verkraftbar. Dieses Spiel zu meistern ist dann besonders schön, wenn man YEDO als Sieger beendet. Für alle anderen gilt: Rache, Revanche ... und was man sich noch für Fieslichkeiten vorstellen kann.

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