Mittwoch, 27. März 2013

Rezension: String Railway Transport von OKAZU brand

Hisashi Hayashi: STRING RAILWAY TRANSPORT für 2 bis 5 Personen bei OKAZU brand 2011

Fäden ziehen

Die Schachtel ist dafür wirklich zu klein: Seile, Taue und erst recht Trossen würden nicht hinein passen. Mit Seilen ließe sich STRING RAILWAY TRANSPORT allerdings prima draußen spielen, in echtem Gelände, mit echten Bergen … wenigstens aber mit Sandhügeln am Strand. Und für die Bahnhöfe wären Bodenfliesen ideal, die verrutschen nicht so schnell. Und die Waren? Mmh, in jeden Urlaub nehme ich KUBB mit. Wenn ich die KUBBs in passenden Farben bemalte, hätte ich damit das perfekte Outdoor-Eisenbahn-Spiel. Und falls noch was fehlt? Am Strand finden sich immer Kanister und Flaschen. Nur diese grünen Seile aus Kunstfasern taugen gar nichts. Die sind regelrecht widerspenstig, sind kaum biegsam. Und ohne die Taue zu schlängeln geht es gar nicht. Also muss ich doch alles von zu Hause mitbringen und einen Handkarren für das umfangreiche Material obendrein.

Für den Urlaub wäre eine kleinere, leichtere Ausgabe ideal. Statt Taue wären Fäden besser. Die sind gemeinhin so winzig, zur Not könnte man sich gar welche ziehen. Was bräuchte man noch für so eine Miniaturausgabe? Eine, besser zwei Pinzetten, um die Fäden sauber zu legen. Und eine Lupe wäre vielleicht hilfreich, um zu erkennen, ob sich Fäden berühren oder überhaupt die Bahnhofplättchen erreichen. Dazu noch eine dritte Hand.


Was da die Schachtel im Format der Ravensburger „Bring mich mit Spiele“ füllt, ist eigentlich ganz zweckmäßig: Farbige Schnürsenkel, Pappplättchen und hölzerne Kuben reichen wirklich zum Spielen. Und weil die Regeln in vier Sprachen dazukommen, lässt sich die Schachtel kaum noch schließen. Man könnte ja auf die Idee kommen, die japanische, englische und französische Regel wegzuwerfen. Braucht man ja nicht. Machen Sie’s, aber ich würde eher die deutsche Regel wegwerfen. Wenn die über Fäden statt Schnüre faselt, sehe ich rot. Dabei ist unsere Sprache doch so reich an unterschiedlichen Wörtern für Fäden unterschiedlicher Dicke, eingebettet in allerschönste Redewendungen: „Den Faden verlieren“, „an einem Strick ziehen“, „Leine ziehen“, und nicht nur auf dem Bau gibt es Richtschnüre. Wenn es auch um verschiedene Dinge geht, kennt jeder von uns die allerfeinsten Nuancen. Nicht, dass ich hier den roten Faden verliere. Jeder kennt den Unterschied zwischen Tau und Seil, auch zwischen Schnur und Band, zwischen Zwirn und Garn. Ausgerechnet bei STRING RAILWAY TRANSPORT spricht die deutsche Regel von Fäden. Bullshit!

Dass Schnürsenkel als Eisenbahnstrecken verwendet werden, ist geradezu naheliegend wie originell und innovativ. Es ginge sogar noch eine Stufe funktioneller. Nein, nicht mit Büroklammern, die sind mir ein bisschen zu friemelig. Erinnert sich noch jemand an Mutters Gardinen und deren bleigefüllte Kordeln im Saum. Nur damit hängt die Gardine so, wie sie hängen soll. Als Gardinen noch öfter in die Wäsche mussten, gehörten diese Kordeln mir … als Straßenränder für meine Matchbox- und Sikuautos. Eingefärbt und auf Länge geschnitten wären Bleikordeln bestimmt das optimale Material für STRING RAILROAD TRANSPORT.

Genug der Ausflüchte, wo ist der roten Faden? Eisenbahnspiel … AGE OF STEAM … Martin Wallace. Ja, ich hab’ ihn wieder. Wären nicht die Schnüre, dieses Eisenbahnspiel wäre doch sehr gewöhnlich, wenn auch gut. Schließlich nimmt das Spiel bei so jedem guten Eisenbahnspiel Anleihen.


Anfangs hat man eine kurzatmige Lok, die nur drei Bahnhöfe ansteuern kann. Der Warentransport ist damit mühsam. Für einen Aktionspunkt kann man die Reichweite seiner Loks nach und nach vergrößern. Je früher man in bessere Loks investiert, desto länger kann man deren Vorteil nutzen. Nur leider gerät man in gewisse Zwänge, denn neben dem Streckenbau gibt’s ja auch noch Konkurrenz um bestimmte Waren. Schließlich geht es um komplette Sätze in den fünf unterschiedlichen Warenfarben. Da muss man sich sputen, grüne Gebirgswaren rechtzeitig abholen, denn die sind knapp. Solche Erwägungen produzieren eine Kette von Entscheidungen. Man bräuchte eine Eisenbahnlinie ins Gebirgsdorf, müsste in der Strecke noch einen farblich passenden Bahnhof für die grünen Waren ansteuern können. Der Bau einer Strecke ins Gebirge kostet einen Aktionspunkt extra, ebenso wie die Kreuzung mit fremden Strecken außerhalb von Bahnhöfen. So schmelzen die Aktionspunkte dahin. Und passt überhaupt die Schnur zwischen die anderen Strecken, ohne sie zu berühren. Berühren bei Parallelverlegung kostet ebenfalls extra. Und ist die Schnur überhaupt lang genug, die anvisierten Bahnhöfe miteinander zu verbinden? Da werden dann wirklich Fäden gezogen – in die Länge.

Das ist aber längst noch nicht alles, was bedacht und „gesehen“ werden muss. Lohnt sich der Anschluss von Landbahnhöfen, die zwar neue Waren generieren, aber auch die Strecke mit zusätzlichen Haltepunkten zupflastern und damit verlängern? Da schließt sich fast der Kreis: Züge für längere Strecken mit vielen Haltepunkten sind auf lange Sicht die bessere Investition. Auch um die speziellen Langstreckenaufträge zu erfüllen, die Joker-Waren und fünf Bonuspunkte in die Kasse spülen. Die Spezialaufträge unbeachtet zu lassen, empfiehlt sich ganz und gar nicht, dafür sind sie zu lukrativ. Außerdem wird mit zwei Minuspunkten bestraft, wer sie am Ende nicht erfüllen konnte.

STRING RAILWAY TRANSPORT hat unbestritten beste Qualitäten. Darüber waren wir Montagsspieler uns nach der ersten Partie sofort einig. Das Spiel erreichte uns noch vor den Essener Spieletagen 2011 in einer zugeklebten Plastiktüte direkt aus Japan. Und weil wir es alle unbedingt haben wollten, musste einer losziehen und es gleich Donnerstag in Essen kaufen. Und wie durch ein Wunder ergatterte unser Mann die letzten vier Exemplare. Nachtigall, ich hör dir trappsen. Da waren wir nicht die einzigen Jäger und Sammler. Der Vorgänger, noch ohne TRANSPORT, erschien schließlich schon 2010 in Essen, ist aber damals voll an uns vorbeigegangen. Macht allerdings nichts, denn Asmodee wird STRING RAILWAY wie auch STRING RAILWAY TRANSPORT neu auflegen. Wir hätten uns mal wieder den Einsatz für die Erstauflage mit der kruden deutschen Regel sparen können und uns auf die Weitsicht der Verlage verlassen sollen. Gute Spiele setzen sich durch, sogar welche mit Eisenbahnthema. Ob sich diese beiden Spiele wie ZUG UM ZUG am Schnürchen verkaufen werden?

Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

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