Donnerstag, 10. Januar 2013

Spiele-Archäologie Teil 6: TOLLE TANTEN TANZEN TANGO von ZKM

Nach dieser kleinen grünen Schachtel musste ich dann doch nicht lange suchen. Ich hatte zunächst arge Befürchtungen, dass ich dieses Spiel nicht finden würde. Jedenfalls nicht auf die Schnelle für unser 49. Großspielen. Aber der Aufenthaltsort einiger besonderer Spiele brennt sich doch ins Hirn. Als ich 1996/97 das letzte Mal TOLLE TANTEN... gespielt habe, hat es einen besonderen Platz in meiner Sammlung bekommen: Es kam in die Raritätenschublade, all jenen kleinen Spielen vorbehalten, die womöglich sonst auf Nimmerwiedersehen verschwinden, unter einem Haufen anderer Spiele begraben würden. In der Raritätenschublade ist es sicher, dort lagert auch noch DOOLITTLE & WAIT und ...

TOLLE TANTEN... ist beileibe kein Vielspielerspiel. Aber wer will behaupten, wir Spieler hätten keine poetische Ader: „Segelboote unter südlicher Sonne schweben gefährlich.“ Allerdings können wir uns auch nicht von gewisser Umständlichkeit frei machen, was die schwebenden Segelboote eindringlich beweisen. Wie dem auch sei, wer es schräg mag, Dada etwas abgewinnen kann, ist mit diesem Spiel bestens bedient. Ich glaube allerdings nicht, dass TOLLE TANTEN... noch beim ZKM in der Schweiz erhältlich ist.

Der nachfolgende, jetzt leicht überarbeitete Text erschien zuerst 1996 in der Fairplay 36 (Seite 50, zusammen mit WORTGENIE) in der damaligen Rubrik „Wort für Wort.“ Das Spiel ist damals natürlich das! Spiel gewesen. Total selten, schwierig zu beschaffen und recht abseitig. Hätte ich zu der Zeit schon gebloggt, hätte ich TOLLE TANTEN... einen tollen Preis verliehen. Vielleicht den Wolfgang oder den Alpaka des Jahres. Aber damals war ich schon zu seriös, ich hab's nur in der Fairplay gepusht. Ob sich's damals wohl wer gekauft hat? Bei Boardgamegeek sind (Stand Jan. 2013) nur zwei Eigentümer gelistet. Helmut Lehr und ich.



Markus Imthurn: TOLLE TANTEN TANZEN TANGO für 2 bis 12 Spieler, Verlag der Zürcher Kantonalen Mittelstufenkonferenz 1996

Lernspiel für Spieler?

Gehört so ein Spiel in die Fairplay? Schachtel und Spielkarten haben realsozialistischen Charme. Das Spiel wirkt irgendwie total antiquiert … und erst der Titel: TOLLE TANTEN TANZEN TANGO. Länger geht’s nimmer, ist dafür aber eine schöne Alliteration. Was aber Schultern zucken ließ, stand in der Pressemitteilung: „... ist deshalb in erster Linie für die Schule gedacht.“ Definitiv nix für Fairplay! Nur was für Pädagogen! Stelle ich deshalb die TOLLEN TANTEN in die Ecke?
Wenn diese Rezension schon so negativ anfängt, dann müssen die TOLLEN TANTEN doch besonderen Reiz haben. Liegt es an Sätzen wie diesem: „Sie schnippten aus Hinterhöfen, und als die Sonne durchbrach, tanzten hustende Damen.“ Jedes Wort dieses Satzes steht mehr oder minder genau auf einer Karte. Auf einigen Karten findet sich genau ein Wort, auf anderen Karten nur die ersten Buchstaben gefolgt von ein paar Pünktchen. Dann wir das Wortfragment einfach nach Gutdünken ergänzt. Aus „Hin...“ wird dann Hinterhöfen, gerade so wie's im Sinnzusammenhang gebraucht wird. Wer immer diese Karte ausspielt, entscheidet über das Wort. Auf der dritten Sorte Karten ist einfach nur ein Bild, zu dem man frei assoziieren darf.
Auf jeden Fall müssen grammatikalisch korrekte Sätze entstehen. Karte für Karte entwickelt sich ein Satz(ungetüm), Satzzeichen werden nur angesagt. Über die Aussage manchen Satzes sieht man einfach großzügig hinweg: „Duftende Würste tanzen.“ Erlaubt, denn wer hat nicht schon 'mal lecker duftende Würstchen auf dem Grill tanzen gesehen? Manchmal stoßen abstruse und phantastische Wortkombinationen aber auch auf Unverständnis. Dann ist Überzeugungskraft gefragt oder einfach eine andere Karte. Falls ein Spieler meint, einen Satz beenden zu können, darf er ohne weiteres einen Punkt ansagen. Die Sätze sind deshalb manchmal erstaunlich kurz: „Es schneit, Punkt.“ Der nächste Spieler beginnt einfach einen neuen Satz.


Die Siegbedingung erscheint zunächst nicht gerade einfach. Mit der letzten Karte muss der Satz enden. Was anfangs als schier unerfüllbar erscheint, erweist sich aber als durchaus machbar. Besonders gut eignen sich natürlich Bildkarten, die bieten alle Möglichkeiten zu passenden Assoziationen. Allerdings ist ein Sieg bei den TOLLEN TANTEN ziemlich nebensächlich – völlig egal, wer gewinnt, solange die Sätze schön poetisch klingen.
Auch wenn die Regel ein wenig löchrig ist, spielen die TOLLEN TANTEN TANZEN mühelos mit uns TANGO. Mit sieben Karten pro Spieler geht’s los. Mit einer Karte vom Stapel beginnt der erste Satz, daran wird angelegt. Wer grammatikalisch nicht korrekt anlegen kann, muss eine Karte nachziehen. Einige Karten erfordern das Ausspielen einer zweiten Karte. Natürlich muss man dann den Satz um ein weiteres Wort ergänzen. Und es muss passen. Niemals dürfen aber mehr als drei Adjektive aufeinanderfolgen. Meine Empfehlung: Auch eine Aufzählung sollte nie mehr als drei Substantive umfassen, sonst entstehen schlangenschachtelige, mäandernde, nicht enden wollende Wortmonsterungetüme. Die Poesie ist dann hin. Garantiert!


Anfängern passiert es mit den TOLLEN TANTEN allzu leicht, dass Satzsackgassen entstehen, aus denen es fast kein Entkommen mehr gibt. Nur ein bestimmtes Wort hilft heraus, aber wer hat schon die dazu passende Karte auf der Hand? Mit mehr Spielerfahrung wächst dann doch die Erkenntnis, dass gerade Bildkarten, aber auch Wörter mit Pünktchen, sehr vielfältig eingesetzt werden können. Dann entstehen irgendwann ganz poetische Sätze: „Als Tarzan hustend jodelte, unternahmen rennende Wandersmänner wegen affenartiger Lautstärke einen Fluchtversuch.“ Tolles Spiel, oder finden Sie etwa die TOLLEN TANTEN unsympathisch? Fehlt es Ihnen an Rhythmus für den TANGO? … an Poesie oder Irrsinn?

Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

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