Montag, 20. Februar 2012

Rezension: Florenza von Placentia Games

Viel von allem

Klar hatte ich eine gewisse Ahnung, was mich bei FLORENZA erwartet. Seit MAESTRO LEONARDO und EGIZIA weiß ich, was auf mich zukommen kann. Also, was haben Sie zu erwarten? Tolles Design, gute Funktionalität und massig viel Material. Die Materialschwemme ist eindeutig viel zu viel für jeden normalgroßen Tisch, jedenfalls für Tische außerhalb Italiens. Zu fünft könnte ich FLORENZA nicht mehr auf unserem Küchentisch spielen.

In der Mitte vom Tisch liegt Florenz, mit der Kathedrale und diversen Gebäuden. Die können wir mit Kunstwerken ausstaffieren. Dafür brauchen wir Künstler und Rohstoffe. Künstler werden mit Geld angeheuert, Rohstoffe im eigenen Viertel produziert. Aber nur, wenn dort die entsprechenden Gebäude und die erforderlichen Arbeiter vorhanden sind. Arbeiter braucht man eigentlich für alles, sie können sogar in anderen Vierteln zur Arbeit gehen. Hat sicher ein schlauer Fuchs aus CAYLUS nach Florenz überführt. So ist man dauernd dabei, eine gut funktionierende Produktionskette aufzubauen und sprudelnde Geldquellen zu erschließen, bevor das Spiel nach acht Runden zu Ende ist.


Aber das ist nur das Skelett, das sind die Basics des Spiels. Es gibt viel mehr Regeln für viel mehr italienische Schnörkel. FLORENZA spielt zwar in der Renaissance, ist aber eher barock, es ist in jeder Hinsicht üppig. Da gibt es die lukrative Rolle des Kapitäns des Volkes, die sich jeder mal wegen eines pfiffigen Regeldetails verschaffen kann. Oder der Bischof, mit dem man die Mitspieler ärgern und sich selbst zum Kardinal küren kann, was reichlich Siegpunkte bringt.

Viele Details, viele Regeln machen FLORENZA auch fehleranfällig. Leider wird kein Regelwart mitgeliefert, der im Spielverlauf Fehler unterbindet, uns wieder auf den rechten Weg lotst. Und man bräuchte einen Buchhalter, der einem sofort errechnet, was dieses Bau- oder jenes Kunstwerk kostet und ob man dafür alles parat hat … Arbeiter, Geld, Rohstoffe. Und man bräuchte Zeit, viel Zeit, um die Baukosten der Bau- und Kunstwerke zu studieren, und noch mehr Zeit für die Denkpausen der Mitspieler. Ja, wenn man für das Spiel ein Diplom hätte, alle Details, Kosten und Funktionen der Bauwerke drauf hätte, ginge es vielleicht schneller. Nur leider ist FLORENZA nicht das einzige Spiel auf der Welt. Niemand spielt ausschließlich FLORENZA.

Wahrscheinlich steckt das gesammelte Herzblut Stefano Groppis in FLORENZA, ganz besonders seine Liebe zu Details. Aber ist FLORENZA wirklich markttauglich? Selbst für die Ansprüche von Mehr-Als-Vielspielern? Mmmh, ich hege da so meine Zweifel. Dient es nur der Selbstverwirklichung? Das wird’s sein. FLORENZA ist redaktionell gut bearbeitet, die deutsche Regel ist perfekt, aber FLORENZA bietet und fordert viel zu viel, und zwar von allem. Wenn dann Ihre Spielgruppe das Spiel richtig drauf hat, kann FLORENZA viel Freude bereiten. Kann es ganz bestimmt. Es ist leider viel zu aufwändig, um sich durchzusetzen. Dazu müssten erst viele Schnörkel ab, dass dem Autor das Herz nur so blutet. Bis dahin spiele ich dann vielleicht doch noch mal eine Partie CAYLUS.

Wolfgang Friebe

Stefano Groppi: FLORENZA für 2 bis 5 Spieler bei Placentia Games 2010

Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

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