Mittwoch, 4. Mai 2011

Rezension: Keltis - Das Orakel

Reiner Knizia: KELTIS – DAS ORAKEL für 2 bis 4 Personen, Kosmos 2010

Zuckerguss für die Kekse

Bei Süßem werde ich schwach. Ich mag Kekse, gerne auch mit Ingwer und Zuckerguss. Zurzeit meine Favoriten: KELTIS-Kekse. Diese klumpigen, leicht unförmigen Dinger hätte ich beinahe übersehen, aber Kollege Niehoff war so freundlich, mich auf diese schmackhaften „Steine“ hinzuweisen. Und weil die Kekse ja wirklich gut ankommen, selbst der Jury geschmeckt haben, werden alle Freunde dieser Köstlichkeit mit immer neuen Variationen versorgt. Und jetzt sogar mit Zuckerguss und Extra-Spielfigur. Die machen das jetzt so wie Kellogg's, die ihren riesigen Cornflakespaketen gerne irgendwelche Gimmicks beipacken. Ist schließlich genügend Luft in der Kiste.

K&K schenken uns jetzt mit dem neuen KELTIS eine „Emma“. Eigentlich hat sie keinen Namen, offiziell heißt sie nur ganz trocken Orakel-Priesterin. Dann schon lieber Emma, mit der ich Mitleid habe. Nicht nur, dass sie sich einen baumdicken Zauberstab vor den Schädel stößt, sie wird auch noch gerne vergessen, übersehen … stehen gelassen. Eigentlich gibt sie ja dem Spiel seinen Namen, aber warum spielt sie dann nur so eine untergeordnete Rolle? Ist sie schon matschig in der Birne, weil sie sich mit dem Schlag gegen ihren Kopf selbst außer Gefecht gesetzt hat? Ach Emma, hättest du nur eine Kopfzelle und irgendwas Blinkendes, damit ich deinen Zauberstab leuchten lassen könnte. Dann wärst du nicht nur auf der Lauf-Spirale ein echter Hingucker, sondern wirklich von Kellogg's. So ist doch nur jeder damit beschäftigt, den besten, den weitesten Sprung mit seiner Figur nach vorne zu machen.

Trotzdem, es gibt natürlich ein paar wesentliche Unterschiede zum Spiel des Jahres: nur noch eine Laufstrecke für alle Farben. Eine ausgespielte Karte lässt eine Figur nicht mehr nur einen Schritt nach vorne machen, sondern auf das nächste Feld der ausgespielten Farbe. Und da sind größere, manchmal leider nur einschrittige Sprünge möglich. Alle anderen Plättchen - Steine, Sonderpunkte, Kleeblätter - sind natürlich dabei, der KELTIS-Grundgeschmack darf nicht verloren gehen, muss spürbar bleiben. Allerdings macht es viel mehr Mühe, Steine einzusammeln. Dann muss man gezwungenermaßen zweimal hintereinander dieselbe Farbe spielen, denn sonst kommt man nicht auf die Felder mit den Steinen. Man kann immer locker darüber hinweg springen, aber ohne Steine gibt’s immer noch Minuspunkte. Manchmal sogar mehr als üblich, wenn man unterwegs einen Spiegel und weniger als zwei Steine eingesammelt hat. Jeder Spiegel wertet am Ende die Steine noch einmal, auch (k)einen Stein. Kein Stein bringt vier, mit Spiegel sogar acht Minuspunkte.

Neu sind auch Kobold- und Spiralen-Plättchen. Landet man auf einer Spirale, darf man die Figur rückwärts ziehen. So kann man auch ganz elegant auf Steine-Felder gelangen, dadurch manchmal den Schlangestehern einen Stein vor der Nase weg schnappen. Auf einem Feld mit Kobold wird man eine unliebsame Hand- oder abgelegte Karte los. Und wenn man mit einer, zwei oder drei Figuren gleichzeitig bei eins, zwei, drei Kobolden steht, gibt’s 5, 10, 15 Siegpunkte. Kobolde werden gerne angesteuert, aber es macht echt Mühe, dafür dann 15 Siegpunkte abzugreifen.

Und die „Emma?“ Die sollte man eigentlich nicht stehen lassen, denn wer die Emma zu einem eigenen Stein zieht, wird mit fünf Siegpunkten belohnt. Nicht schlecht!? Bin mir immer noch unschlüssig, ob sich das wirklich lohnt. Statt der eigenen Figur zieht die Emma eins bis fünf Felder weiter. Natürlich muss mit dieser Karte die Farbreihe ergänzt werden. Wegen der Emma bewegt man schließlich keine eigenen Figuren nach vorne, bestimmt so nicht über das Spielende und bekommt nicht die fetten Siegpunkte. Ein Trugschluss?! Am Ende der Spirale warten nur sechs, sieben und 10 Siegpunkte. Wie oft muss ich dann die Emma auf einen meiner Steine bewegen, um das auszugleichen? Ist die Emma allerdings an allen meinen Steinen vorbeigerauscht, muss ich sie erstmal wieder überholen. Das kostet Karten und Züge. Ist dann das Spiel schon zu Ende?

Bei DAS ORAKEL ist immer noch die Leichtigkeit des Spiels des Jahres zu spüren. Die ist aber nur eine Illusion, geschaffen durch die bekannten Elemente und natürlich die Kekse auf grünem Grund. Man erinnert sich, an Mechanismen und Regeln, und an Taktiken. Aber man bekommt nur die Eindimensionalität eigenen Denkens vor Augen geführt. Man verlässt die bekannten Gleise zunächst nicht. Die neuen Elemente und auch die Preisgabe der fünf Laufstrecken machen DAS ORAKEL deutlich anspruchsvoller … und besser. Man muss sich nur mit den neuen Möglichkeiten auseinandersetzen, auch mit Emma. Natürlich kann man DAS ORAKEL so spielen wie immer, aber dann könnte man auch gleich beim normalen KELTIS bleiben.

Was erwartet man eigentlich, wenn man wegen des guten ersten Teils der Serie weiter folgt? Nur gute Unterhaltung? Bekannte Elemente, liebgewonnene Charaktere, Atmosphäre? Reicht das schon? Muss nicht der zweite, dritte, vierte oder wie bei DAS ORAKEL das fünfte KELTIS doch irgendwie anders, idealerweise sogar besser als die Vorgänger sein? Harry Potter durchlebte Höhen und Tiefen, es gab gute und weniger gute Bücher. KELTIS ist dagegen fein raus. Jedes Familienmitglied ist irgendwie anders, jedes für sich gut, und DAS ORAKEL bislang am besten. Nur muss man es sich dann jetzt kaufen? Ist es nicht besser zu warten, bis Dr. Knizia die Familienplanung abgeschlossen hat? Der letzte Abkömmling ist dann bestimmt das allerbeste Spiel … Wer fühlt sich dann auf den Arm genommen? Die Käufer des ersten Spiels, weil sie Geld für das weniger gute Spiel ausgegeben haben? Die Juroren, weil sie das weniger gute Spiel preisgekrönt haben? Der Verlag sicher nicht, denn – solange es wie bei KELTIS – immer bergauf geht, wird auch immer besser verdient. Die Familie wird noch wachsen … garantiert! Jetzt spiele ich DAS ORAKEL genauso wie ich vorher das Ur-KELTIS gespielt habe, solange es nicht NEUE WEGE – NEUE ZIELE gab. Und zwischendurch schiebe ich sogar noch die kleineren grünen Schachteln – Nichte oder Neffe – ein. Nur das Ur-KELTIS kann ich getrost abschreiben.

Wolfgang Friebe


KELTIS-Faktor:

150 % DAS ORAKEL
110 % DER WEG DER STEINE
100 % KELTIS
45 % LOST CITIES


Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

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