Donnerstag, 7. April 2011

Rezension: Tammany Hall

Doug Eckhart: TAMMANY HALL für 3 bis 5 Personen, StrataMax Games 2009

Ganz schön fies

Erinnern Sie sich? An die weißen Kisten von Stratamax Games, an die besseren Prototypen in Essen. Unter all den Dingern gab es 2008 auch TAMMANY HALL zu kaufen: spartanisch, trist und doch … irgendwie … besser als die anderen Spiele von Stratamax. Das Spiel schaffte es also nicht ohne Grund in die Fairplay (Ausgabe 84, S. 30). Kollege Heller verpasst ihm einen schön verschleiernden Untertitel: „Dreckschleudern im Einsatz.“ Im Spiel geht es kräftig zur Sache, auch wenn die Optik das Thema nicht wirklich unterstützen konnte. Aber es passt prima zu Politikern, zumal amerikanischen, genauer New Yorker Politikern, die mit allen Wassern gewaschen, alle Register ziehend, zur Macht streben. Die alte Ausgabe wusste bereits zu überzeugen, hatte prima Ansätze und war so richtig böse.


TAMMANY HALL hätte ich beinahe schon verdrängt, wäre nicht für 2009 eine neue Aufmachung angekündigt worden. Es brauchte nicht lange, bis ich wusste, woran mich das erinnerte: GANGS OF NEW YORK - Martin Scorseses Film über den Fast-Bürgerkrieg zwischen Natives und Iren während der Unruhen 1863. Der Typ links auf dem Cover – nicht der wuchtige Mr. Tammany aus der Bildmitte – mit dem großen Vorschlaghammer sieht aus wie der Anführer der Natives. „The Butcher“ war schon 'ne fiese Charakter, und Politiker waren damals sowieso korrupt. Endlich Atmosphäre für eine Wahlschlacht in New York. Umso mehr gefällt mir die Neuauflage. Tolle Illustration, tolle Farben. Die Grafik passt, besonders der Stadtplan, wenn auch die Figuren immer noch recht mickerig ausgefallen sind.

TAMMANY HALL stand seit dieser Ankündigung auf meiner Agenda. Es geht immer noch um Mehrheitenbildung. Thematischer Hintergrund sind die Wahlen im ausgehenden vorletzten Jahrhundert. Es geht sehr speziell zu in New York, wo sich Emigranten aus Europa einfinden. Als Politiker benutzen wir die Einwanderer, Natives spielen keine Rolle. Iren, Engländer, Deutsche und Italiener verschaffen uns Einflusschips, mit denen man Wahlen in den New Yorker Bezirken beeinflusst, um so wieder an neue Einflusschips zu kommen. Unliebsame Konkurrenz wird beizeiten, natürlich meistens kurz vor der alle vier Jahre stattfindenden Wahl, schwer diffamiert und einfach vom Brett gekegelt. Politik ist ein hartes Geschäft … auch im Spiel, ständig und immer. Es gibt so gut wie keine stillen Ecken, in die man sich zurück ziehen könnte. Und wenn, dann hat man den Sieg in der Tasche, weil die anderen geschlafen haben.

Wer sich zu weit aus der Deckung wagt, zu viele Siegpunkte macht, bekommt schweren Gegenwind zu spüren. Das Gleichgewicht der Kräfte stellt sich hoffentlich wirklich ein. Bei Anfängern und unaufmerksamen „Politikern“ allerdings auch oft genug leider nicht. Solche „Politiker“ haben dann keinen Einfluss mehr auf den Sieg, sind uneinholbar abgeschlagen. Das dann zu erkennen ist einfach, wie es dazu kommen konnte nicht immer. Wie greifen die einzelnen Mechanismen nur ineinander? Wie muss man agieren? Waren die Loser zu unaufmerksam? Haben sie sich gegenseitig zu sehr gezofft? Haben sie reale Politik als Brettspiel nicht begriffen? Haben sie den einen oder anderen machen lassen, ohne konsequent dagegen gespielt zu haben? Sehr wahrscheinlich, und jeder Fehler ist ein Fehler. Daran gibt es nichts zu deuten.

TAMMANY HALL ist ein durch und durch komplexes Spiel, noch dazu mit einem durch und durch amerikanischen Thema. Es geht rund, immer Krawall, immer böse. Das macht's nicht gerade einfach, sollte aber niemanden – schon gar keinen „echten Spieler“ - abschrecken. Dafür sorgt – wenn überhaupt! - die deutsche Regelübersetzung. Das Spiel verführt allerdings zum Grübeln. Man wird zwangsläufig deeeenken. Da wird das Spiel dann zu einer echten Herausforderung, obwohl nur vier Wahlperioden aus je 4 Runden gespielt werden. Und trotzdem kann man es doch wunderbar aus dem Bauch spielen. Kollege Heller hat es in einer Partie erneut vorgeführt. Hatte er auch damals schon geschrieben, dass das geht. Mein Kopf sagt: Superspiel! Funktioniert prächtig, sieht toll aus. „Nimm's!“ sagt auch mein Bauch. „Ja, kauf es dir, aber lass' es besser im Regal. Ist viel zu bööööse, vergrätzte dir nur deine Mitspieler. Oder hast du mit denen noch ein Hühnchen zu rupfen?“

Wolfgang Friebe

Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

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