Donnerstag, 6. Januar 2011

Rezension: Egizia

Acchittocca (Virginio Gili, Flaminia Brasni, Stefano Luperto und Antonio Tinto): EGIZIA für 2 bis 4 Personen, Hans im Glück 2009

Kein Spiel, das nicht ...

Kommse ma ran! Ich will Sie in eine Schublade stecken. Ich liebe nämlich Schubladen, habe für dies und das jeweils eine parat. Natürlich auch für Sie, denn ich weiß ganz genau, was Sie von mir wollen. Was wäre das Leben ohne Vorurteile? Ich soll Ihnen doch bestimmt verraten, ob Sie EGIZIA brauchen oder nicht, ob Sie es kaufen müssen oder nicht. Ich könnte mich ja fein raushalten, gar nicht auf Ihre Frage eingehen, keine Verantwortung übernehmen: Spielen Sie's doch selber, dann könnten Sie wenigstens selbst entscheiden. Ich trete hier doch nicht ein … für das Ende der eigenen Meinung. Vielleicht sind Sie ja sogar schon einen Schritt weiter, haben EGIZIA schon gespielt und gekauft. Dann wollen Sie sich sicher nur von mir bestätigt werden. Wer gibt schon Geld für ein schlechtes Spiel aus?

Und? In welcher Schublade stecken Sie jetzt? … ich öffne erstmal die für die italienischen Spiele. Da springt mich gleich was an: Man muss in Italien aufpassen, dass man nicht auf Spieleerfinder trifft. Italien, so ein italienisches Vorurteil, besteht aus einem Volk aus Spielerfindern. Überall gibt’s Acchitoccas, Leute, die Spiele erfinden. Acchitocca ist ein Team aus mehreren Autoren, im Verhältnis 3:1 für uns Männer. Auf deren Agenda stehen Spiele wie GHOST FOR SALE, COMMUNI und MAESTRO LEONARDO, gerade die beiden letzteren haben einen gewissen Niederschlag in unserer Szene gefunden. Besonders natürlich MAESTRO LEONARDO, ein ziemlich interessantes Spiel von dV-Games und Abacus. Ein gutes, aber kein perfektes Spiel, so hieß es bereits während der Messe in Essen, sozusagen zeitgleich mit dem Erscheinen. In den richtigen Händen hätte MAESTRO LEONARDO ein perfektes Spiel werden können. Glaubt man's?

EGIZIA ist wie MAESTRO LEONARDO ein echt italienisches Spiel: Viele Regeln, viel Brimborium, viele Drehungen und Schnörkel. Vielleicht liegt es gerade an den vier Autoren, dass es immer noch nicht perfekt ist. Vier Autoren, die ihre vier Vorlieben in mehr als vier Regeldetails unterbringen wollen, die über dies und das diskutieren, bis einer sich durchsetzt oder man bestenfalls einen Kompromiss findet. Und diese vier Köche schaffen ein gutes, aber längst kein perfektes Menü. Genau für so einen Fall gibt’s ein schönes deutsches Sprichwort. Deshalb ist EGIZIA immer noch nicht „das“ perfekte Spiel, dafür aber komplex und anspruchsvoll und mit vielen Regeldetails gesegnet. Ein Vielspielerspiel – definitiv. Ob es auch gut ist? Ja, mindestens so gut wie MAESTRO LEONARDO, vielleicht sogar noch einen Tuck besser und sehr viel besser als COMMUNI.

Sind Sie meiner Meinung? Fühlen Sie sich bestätigt? Sagen Sie, mögen Sie eigentlich Schnörkel? Ich meine diese kleinen Details, besondere Regeln, tausend und eine Option auf Siegpunkte? Nicht nur so ein paar wenige Schnörkel wie bei TOBAGO. EGIZIA holt richtig aus: Nil, Pyramide, Sphinx, Grabkammern und Obelisk, also mit allem, was Ägypten zu bieten hat, dazu Nahrung, Steine, Arbeitskräfte. Sie werden mit Schnörkeln tot geschmissen. Das ist in etwa so, als würde man das Design so lange verschnörkeln, bis man vom Grunddesign nix mehr erkennt. In meinen Augen hätte man an der einen oder anderen Stelle durchaus den Hobel ansetzen können um Schnörkel abzutragen. Tragender Mechanismus ist doch eigentlich das Platzieren der Boote auf dem Nil. Neudeutsch: Ship- statt Worker-Placement. Der Nil trägt das Spiel, so wie der Kartenmechanismus HAVANNA trägt. Bei EGIZIA ist aber viel mehr drumherum, alles in einer derartigen Komplexität verwoben, dass es gleichzeitig Lust und Last ist.

So viele Details, so viele Regeln und so viele Möglichkeiten, das Spiel falsch zu spielen. Mein allererster Fehler: Ich habe vor der ersten Partie zwar die Regel von vorne bis hinten gelesen, aber beim Erklären dann an entscheidender Stelle nicht weit genug gelesen: „Ein Spieler muss sein neues Schiff immer weiter flussabwärts einsetzen als seine bereits eingesetzten Schiffe.“ Leider steht im Absatz davor überhaupt nix darüber, ob man den Nil flussauf- oder abwärts fährt. Deshalb haben wir in der ersten Partie beschlossen: Man schippert den Nil aufwärts. EGIZIA lässt sich so auch ganz gut spielen, es wird tatsächlich nur ein etwas anderes Spiel, weil dann zuerst gebaut wird, bevor man an Ressourcen wie Steine und Arbeiter kommt.

Im alten Ägypten warten diverse Prestigeprojekte. Wir brauchen Bautrupps und Steine – unbedingt! Und wo viele Leute zusammen kommen, müssen wir auch für Nahrung sorgen. Es entsteht ein komplexes System, und für alle und alles muss der Nil sorgen. Von Oberägypten bis zum Delta gibt es für alles Felder, auf denen unsere Schiffe platziert werden. Setzt man auf dem Nil aber weit nach vorne, gibt es kein zurück. Alle Felder oberhalb des letzten eingesetzten Schiffes sind tabu – in Fließrichtung des Nils gesehen. Da muss man sich entscheiden, was wichtig oder was übersprungen und damit ausgelassen werden kann. Die Mitspieler werden es danken, denn wer unten angekommen ist, kann kein Schiff mehr einsetzen. Nachzügler dürfen in aller Ruhe auf leer gebliebene Felder ihre Schiffe platzieren. Aber kommen sie so auch an die richtigen Dinge? An drei verschiedene Bautrupps … an Steine? An Bonusaktionen? Sind alle Schiffe platziert, müssen die Bautrupps ernährt werden, sonst droht Strafe. Erst danach kommt man an Steine, kommt selbst ans Bauen, so man denn einen Ankerplatz bei den Bauten gefunden hat.

Für die Regeln wird man wohl einige Zeit brauchen. Es gibt sehr viele Details, die nicht sofort und vollständig in unsere Köpfe wollen. EGIZIA ist halt ein komplexes Spiel, wo alles mit allem verzahnt ist. Aber die Bauwerke sollte man bei aller Optimiererei nicht außer acht lassen. Bauwerke liefern Siegpunkte! Für sie braucht man anfangs nicht unbedingt die ganz starken Bautrupps. Allerdings kann man auch ganz gut nebenbei Siegpunkte generieren, ohne dass man sich beim Bauen verausgaben muss. Mit der richtigen Sphinx-Karte kann man abgreifen, wenn die anderen einem zuarbeiten. In den meisten Partien wird relativ zivilisiert gespielt, was Versorgung mit Nahrung angeht, denn alle sitzen im selben Boot. Nur in einer einzigen Partie ist jemand mit Strafzahlungen belegt worden.

Man sollte viele Optionen und auch die Aktionen der Mitspieler im Blick haben, aber meistens achtet man doch nur auf die eigenen Chancen. Was die anderen machen könnten, kann man nur indirekt über die Auswahl der Nilfelder beeinflussen. Da kann man schon so manche Drohung aufbauen oder tüchtig ärgern. EGIZIA ist kein Spiel, das man so runterspielen kann. Kein Spiel, das sich sofort erschließt. Kein Spiel, das perfekt ist. Kein Spiel, an dem man in diesem Jahrgang vorbeigehen kann. Kein Spiel, das nicht beim Deutschen Spielepreis oben mitmischen wird. Leider aber auch kein Spiel für die Jury, da sei DIE TORE DER WELT vor.


Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

Kommentare:

  1. Nachgefragt zu (Zitat):
    "Man schippert den Nil aufwärts. EGIZIA lässt sich so auch ganz gut spielen, es wird tatsächlich nur ein etwas anderes Spiel, weil dann zuerst gebaut wird, bevor man an Ressourcen wie Steine und Arbeiter kommt."

    Warum das denn? Gebaut wird doch immer erst in der nächsten Phase (wenn Nil befahren abgeschlossen ist).

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  2. Weil man doch regelkonform den Nil abwärts fahren muss, dann kommen die Baufelder erst am Ende, nachdem man Baustoffe eingesammelt hat. Flussaufwärts kommen sie zu Anfang. Aber dieser Einstieg ist natürlich falsch!

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  3. Nochmals:
    Es wird NICHT gebaut, wenn man dort (an den Baustellen) ankommt, sondern nach dem man den Nil (völlig) befahren hat - in der darauf folgenden Phase.
    -> Man könnte also auch anders rum fahren und dann (in der nächsten Phase bauen).
    Für ein (regelkonformes) Spielchen kann man ja mal auf yucata.de vorbeischauen :-} .

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  4. Ja, ist mir schon klar. Mit dem Abschnitt über das Nilaufwärtsschippern wollte ich wirklich nur zum Ausdruck bringen, was man alles bei den vielen Regeldetails alles falsch machen kann, und wie wir uns selber aufs Glatteis geführt haben :-)
    In allen nachfolgenden Partien ist es uns gelungen, regelkonform zu spielen.

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