Donnerstag, 17. Juni 2010

Donald X. Vaccarino: König von DOMINION

Donald X. Vaccarino
Jetzt ist der Mann wirklich da. Eigentlich habe ich ja nicht mehr damit gerechnet, dass Donald X. Vaccarino leibhaftig zu den Essener Spieletagen auftaucht. Er hätte ebenso ein Phantom bleiben können wie der an dissoziativer Identitätsstörung leidende Michael Tummelshofer, Autor von STONE AGE. Das wäre marketingtechnisch für Hans im Glück und Rio Grande sicher nicht das Schlechteste. Donald X. Vaccarino als ewig währender Quell für alle möglichen Spekulationen: Niemand will für DOMINION verantwortlich zeichnen. Richard Garfield hat seine Hände im Spiel. Donald X. Vaccarino ist aber leibhaftig anwesend. Hat eigentlich jemand seinen Pass kontrolliert? Wird so ein Mensch aus Amerika auch datentechnisch so erfasst wie alle Touristen, die nach Amerika fahren? Kann man das nachprüfen, ist das wirklich Donald X. Vaccarino? Oder nur ein Schauspieler, der so tut, als wäre er ein skurriler Spielerfinder aus Amerika?

Donald IX. Vaccarino
Aber jetzt gibt es kein Zurück. Donald IX. Vaccarino muss auf die Bühne. Die Verleihung des Deutschen Spielpreises ist ein Pflichttermin, ist er doch nicht zur Spiel-des-Jahres-Verleihung erschienen – was nebenbei bemerkt, die Gerüchte um ein Phantom erst noch beflügelt hat. Oben auf der Bühne fühlt sich das leibhaftige Phantom sichtlich unwohl. Das Rampenlicht ist nicht sein Ding, das ist deutlich zu spüren. Versteckt er sich nicht sogar hinter Jay Tummelson? Der Verleger von Rio Grande muss ihn beschützen, vor zu viel Aufmerksamkeit und dem Blitzlichtgewitter. Ob Donald IX. Vaccarino überhaupt gekommen wäre, wenn er das alles vorher gewusst hätte? In Essen seien mehr Fotos von ihm gemacht worden, als in seinem ganzen Leben zuvor. Also schaut er auf der Bühne ganz professionell drein. Das gelingt ihm ebenso wenig, wie rechtzeitig die Hand von Dominique Metzler loszulassen. Einen zu langen Augenblick kleben die beiden aneinander. Er scheint unendlich erleichtert, als sich Frau Metzler mit einer Frage an Jay Tummelson wendet. So ein Rummel um seine Person ist ihm gar nicht geheuer. Zumal fast alle um ihn herum Deutsch sprechen, und er das gar nicht versteht. Spielt er deshalb mit den Vorhängen?

Donald VIII. Vaccarino
Und dann diese Interviews, viele, viele Interviews. Aber da gibt es glücklicherweise kein solches Blitzlichtgewitter wie beim Deutschen Spielepreis, das ist eine intime Geschichte, das erledigt Donald VIII. Vaccarino ein bisschen entspannter. Da bin ich viel angespannter, nötigt er mir doch meine ganze Aufmerksamkeit ab. Er redet, er redet schnell ... und ich habe Mühe, all das warum, wieso, weshalb aufzunehmen. Mein Diktiergerät kann das besser: Ob er mit dem Erfolg gerechnet habe? Was für eine Frage?! Der Mann wird vom Erfolg überrollt, die Frage kann ich mir getrost klemmen. Welche Frage ihm wohl am häufigsten gestellt wurde? Da denkt er nach und klappert mit dem Glas … und grinst mich an. Diese Frage wurde ihm bereits gestellt. Nur dass er darauf noch gar nix antworten konnte, weil er noch zu gar nix befragt wurde. Aber die Frage nach dem Erfolg von DOMINION wurde schon oft gestellt. Und ob es sein erstes Spiel sei? Und ob er überrascht ob der ganzen Auszeichnungen sei? Nein, nein, nein … auf alle Fragen ein klares Nein. Natürlich hat er den Erfolg erwartet, spätestens in dem Augenblick, als seine Freunde die ganze Nacht DOMINION statt MAGIC spielen wollten. Und über die Preise hat er sich gar keine Gedanken gemacht, er kannte sie schlicht und einfach nicht. Was ist schon das Spiel des Jahres für Amerika?

Donald VII. Vaccarino
Er nimmt sich sogar Zeit für die Messe, wenigstens ein bisschen. Morgen, am Samstag, da geht er rum. Kaufen will er aber nichts, für andere Spiele neben DOMINION fehlt im schlichtweg die Zeit. Gut, zwei Spiele stehen doch auf seiner Liste: TOBAGO und ein Spiel, bei dem man erst aufbaut und einem dann alles zerstört wird. Von irgendwelchen Tschechen. Sonst drückt er sich lieber in heimischen Gefilden rum, bleibt am Stand von Rio Grande Games. Da spricht man Englisch, da fühlt er sich wohl. Aber ein paar wenige mitgebrachte Prototypen treiben ihn doch um. Sie sind zwar noch nicht so, wie er sie gerne haben möchte. Aber hätte er sie zu Hause gelassen, hätte er sich unwohl gefühlt. Das hört sich so an wie die Geschichte mit dem Regenschirm. Den nimmt man nur mit, weil es dann nicht regnet. Dutzende Prototypen sind in den letzten Jahren entstanden, fünf werden gerade begutachtet. Er weiß aber auch, dass für ihn DOMINION noch lange das Maß der Dinge sein wird. Ob es ihm so ergehen wird wie Klaus Catan? Ein ewiger Donald VII. Dominion?! Er selbst sagt: „It's hard to top DOMINION.“ Da müsste er schon so etwas nachlegen wie CARCASSONNE oder RA. Das wären für ihn die Art Spiele, die zu erfinden ihm sehr gefallen hätte.

Donald VI. Vaccarino
1994 war es so weit, er war reif für mehr. Vor 1994 kannte er nur MAGIC. Aber dieses Spiel zog Kreise. Neue Mitspieler, neue Spiele. Gamer's games, die guten alten amerikanischen Schätzchen von Avalon Hill bereiteten den Weg zu Nizia-Games. Statt COSMIC ENCOUNTER Spiele des Dr. Nizia. Die kauft er in seinem örtlichen Spieleladen, von denen gibt es das größte Angebot, alle sind mehr oder minder gut, bestimmt aber höchstwahrscheinlich. Und er spielt jede Nacht ... eine Zeit lang. Er nennt die Spiele von Dr. Nizia europäisch, für ihn sind es keine German Games. Wir könnten uns da wie die Schweizer hinstellen und kleinkariert fragen: „Wer hat's erfunden?“ Aber wir sind großzügig, solange unser Dr. Nizia vorne steht. Wo doch die Amerikaner das K nicht wirklich hörbar aussprechen. Hört sich doch auch viel sympathischer an, als Knizia mit dem Knack-K. Europäische Spiele müssen für Donald VI. Vaccarino gar nicht unbedingt aus Europa stammen, sie müssen nur deren Grundsätze übernehmen. Der Kampf um Siegpunkte und nicht das Eliminieren muss im Vordergrund stehen, ebenso wie die Mechanik vor dem Thema steht. Und ausbalanciert muss es sein, und gar nicht so aggressiv. Mit wenig „downtime“. Solche Spiele gefallen ihm. In diesem Sinn ist DOMINION ein durch und durch europäisches Spiel. Ein bisschen Angriff ist dabei, aber eben nicht dominierend. Und Ausscheiden tut auch keiner. Sowas fände er richtig schlecht.

Donald V. Vaccarino
Der Mann ist vielbeschäftigt. Und fast ausschließlich mit seinem Baby. In den letzten zwei Jahren hat er einmal BLOKUS und einmal RACE FOR THE GALAXY gespielt. Sonst läuft nur und ausschließlich DOMINION, schließlich gefällt ihm sein eigenes Spiel richtig gut. Deshalb kümmert er sich so intensiv um alle Ableger, neue Karten, was auch immer. Die Spieletester sollen möglichst perfekte Karten bekommen. Also achtet er penibel darauf, ob eine Karte nun vier oder fünf Gold kostet. Ob die Karte nicht doch zu stark ist. Ob die Balance gewahrt bleibt. Er ist aber nicht der Spieletester: „I'm not a play tester, but I am play testing them.“ Die Kärrnerarbeit überlässt er den Entwicklern Valerie Putman und Dale Yu. Die bekommen die neuen Karten, wenn der Meister glaubt, sie seien perfekt. Putman und Yu sollen Probleme finden, die Karten im Zusammenspiel ausgiebig testen und die Beschreibung für die Regel formulieren. Das findet Donald V. Vaccarino eigentlich überflüssig, denn seine Karten erklären sich durchaus aus dem Kartentext. Und machmal führen die beiden Entwickler kleinere Änderungen ein, die er selbst gar nicht mehr als Änderungen erkennt. Zum Beispiel, dass erst die restlichen Karten des Nachziehstapels aufgenommen und der Ablagestapel gemischt werden müssen, bevor noch fehlende Karten aufgezogen werden.

Donald IV. Vaccarino
Ein kleines Problemchen haben Autor und Entwickler gemeinsam bei SEASIDE umschifft. Die Dauer-Karten sollten ursprünglich auf die Seite gedreht werden. Wie bei Magic. Man erinnere sich: Richard Garfield hat sich das sogenannte „Tapping“ schützen lassen. Welche Lösung gibt es da, um nicht mit Wizard of the Coast oder Richard Garfield aneinander zu geraten? Dauer-Karten kommen in eine neue Reihe oberhalb der ausgespielten Aktions- und Geldkarten. Kann man machen, muss man aber nicht. Zu Hause, wo's keiner sieht, darf man die Karten sicher auch tappen. Aber auch das ist völlig unnötig, denn zumindest die Dauer-Karten sind ja alle orange und als solche gut zu erkennen. Da braucht man eigentlich nix weiter zu machen, als sie einfach bis zum nächsten Zug liegen zu lassen. Wenigstens steht es aber korrekt in der Regel, kein Richard Garfield kann ihnen etwas anflicken oder Lizenzgebühren abverlangen. Und außerdem wollte Donald IV. Vaccarino DOMINION sowieso nicht noch näher an MAGIC rücken, als es jetzt schon ist.
  
Donald III. Vaccarino
Die Frage, woher er kommt, lässt ihn ein wenig stutzen. Er sei vielleicht ein bisschen kanadisch, er könnte tatsächlich Kanadier sein. Es bleibt offen, denn den größten Teil seines Lebens hat er in Kalifornien zugebracht. Deshalb fühlt er sich auch wie ein Kalifornier, obwohl er jetzt in New York lebt. Überhaupt kommt hier wieder diese Scheu durch, etwas zu viel zu erzählen. Aber die hält höchstens einen kurzen Augenblick an, denn normalerweise redet Donald III. Vaccarino wie ein Wasserfall: „I like to talk.“ Im ersten Eindruck vermittelt er so gar nicht dieses Wesen. Aber wenn er denn mal losgelassen, gibt es kein halten. Eigentlich führe ich kein Interview mit ihm, er erzählt, plaudert, referiert. Mit Querverweisen und Schachtelsätzen übergeht er Fragen und beantwortet sie doch im nächsten Satz. Für DOMINION ist das sicher eine perfekte Qualifikation, alle Wechselwirkungen und komplexen Sachverhalte im Kopf zu behalten und zu gewichten, ohne den roten Faden zu verlieren. Im Gespräch ist es deshalb faszinierend, in die Welt von Donald III. Vaccarino einzutauchen. Man muss nur gut zuhören.

Donald II. Vaccarino
Dann kommt man Donald II. Vaccarino ein bisschen auf die Schliche. Er mag keine großen Menschenansammlungen, besonders nicht, wenn er selbst im Rampenlicht stehen muss. Man stelle sich ihn nur bei seiner Hochzeit vor. Der Mann vor Publikum? Auch vor Familie, Freunden und Bekannten scheint es für ihn schwierig zu sein. Was macht er? Donald II. Vaccarino heiratet in kleinem Kreis, in ganz kleinen Kreisen. Nicht, dass man sich nur die engste Familie zur Hochzeit holt, man heiratet einfach sieben Mal, hat sieben verschiedene Zeremonien und sieben Mal andere, dafür wenige, aber vertraute Gäste. Jede Hochzeit wird anders gestaltet, weshalb die Vaccarinos auch im Bett und auch mit einer Papiertüte auf beiden Köpfen geheiratet haben.

Donald I. Vaccarino
Und wofür steht eigentlich das X? Ist das der obligate zweite Vorname für Amerikaner, die auf wichtig und gewichtig machen? Sowas führt man als Amerikaner nur als Buchstabe zwischen Vor- und Nachname. Für Donald I. Vaccarino ist es mehr, denn X ist eine Variable. Und man merkt, in dem X. steckt mehr als nur ein Gesicht. Dieser Mann ist ungeheuer variabel.

Wolfgang B. Friebe

zuerst veröffentllicht in Fairplay 90

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