Donnerstag, 15. April 2010

Rezension: Mexican Train

ungenannter Autor: MEXICAN TRAIN für 2 bis 8 Personen, Lizenz von PUREMCO Games & Toys, hier besprochenene Ausgabe: Tactic 2008, auf Deutsch erhältlich bei Pegasus

Tatsächlich doch schon auf Deutsch

Ich bin lange noch nicht geheilt, kann es einfach nicht lassen. Im Urlaub krieche ich durch jeden Spielwarenladen, der mir ins Visier gerät. Ich kann immer noch nicht widerstehen. In diesen düsteren, leicht herunter gekommenen Laden mitten in Inverness musste ich einfach rein. Nicht dass die Auswahl an Brettspielen mich vom Hocker gerissen hätte, in Schottland ist Spielen sicher noch eine Randsportart. Im Laden gab es deshalb alles mögliche andere Zeug mehr … Comics in Massen, Figuren in Massen und ein, zwei Stangen mit Klamotten. Schwarz, eng, schräg … eher nix für mich. Außerdem standen zwei junge Frauen in Salatgröße vor dem Ständer: ganz in schwarz, ganz eng und eher leicht gekleidet. Sommer ist schließlich Sommer, auch wenn es in Schottland gerade wie verrückt nieselt. Ehe ich im Laden unangenehm auffalle, bin ich lieber wieder raus. Hatte schließlich meinen Sohn dabei und außerdem ist Death Metall einfach nix für meine Ohren. Immerhin habe ich dort ein einziges Exemplar der SETTLERS OF CATAN entdeckt. Es blieb das einzige Exemplar in ganz Schottland, genauso wie dieser Spieleladen. Ich hab' nix mehr entdeckt. Bin ich jetzt geheilt?

Zum Einkaufen gehe ich dann doch eher zu W.H. Smith. Herunter gekommen wirkte der Laden auch, zumindest teilweise. Die Decke hatte an ein paar Stellen so unschöne braune Wasserflecken, dafür ist das Angebot solide und jugendfrei. Es gibt Bücher, Zeitschriften, Schreibwaren und … Spiele! Aber keine, die wir hier kennen, von Hasbro-Dingern mal abgesehen. Ein schwergewichtiges Spiel ist mir gleich in die Hand gefallen. Die quadartische Schachtel ist gar nicht so groß, aber deutlich schwerer als DIE SIEDLER. Ist auch kein Wunder, sind doch 91 fette Dominosteine drin.

An MEXICAN TRAIN konnte ich mich erinnern, hatte irgendwo und irgendwann mal was Gutes im Internet darüber gelesen. Und weil es sonst nix Berauschendes an Spielen gab, wanderte das Spiel in meinen Einkaufskorb. Umgerechnet rund 24 € habe ich dafür ausgegeben. MEXICAN TRAIN wird in Europa von TACTIC vertrieben. In ganz Europa? Ja, bei uns ist dieser finnische Verlag durch Pegasus vertreten. Aber dieser Ausgabe aus Schottland liegt immerhin nicht nur eine englische Regel bei, das Regelheft ist recht umfangreich: Finnisch (klar!), Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Französisch, Niederländisch, Estnisch, Russisch und Ukrainisch. Aber eben keine Regeln auf Deutsch.

Also mühen wir uns durch die einzige Regel, die ich lesen kann: Englisch. Das Spiel stammt ursprünglich aus Amerika, da müsste doch eigentlich alles klar gehen. Die Finnen werden wohl kaum an der englischen Regel geschraubt haben. Und doch ist die Regel in vielen Punkten etwas unklar formuliert, kommt nicht auf den Punkt, bleibt schwammig und ist auch nicht gerade gut strukturiert. Eben doch ziemlich undeutsch.

Und das, obwohl das Spiel doch sehr einfach ist. DOMINO halt … mit einem ganz klitzekleinen bisschen mehr. Die Dominos gibt es von Doppel-Zwölf bis zur Doppel-Null. Und man darf sogar an fremden Reihen anlegen, aber nur wenn darauf ein kleiner Plastikzug steht. Damit signalisiert der Besitzer, dass er momentan an seiner eigenen Reihe nicht weiter bauen kann: Freigegeben für die lieben Mitspieler. Die warten natürlich auf solche Gelegenheiten, denn dann werden sie einige Steine hoffentlich los, die nicht zu ihrer eigenen Reihe passen. Das hat man sich nämlich vorher schon ausgeguckt, welche Steine sich zu einer Domino-Reihe kombinieren lassen. Die nennt sich hier übrigens Train. Also sortiert man – jedenfalls jeder kluge Spieler – seine Dominos so, dass man schon eine hübsche Reihe zusammen bekommt. Das klappt meistens, denn man hat ja auch viele Steine zur Verfügung. Die restlichen Steine sind aktuell halt über, aber jeder baut auf die Schwächen der Mitspieler. Wer nicht kann, muss nachziehen. Wer dann immer noch nicht legen kann, muss die Lok nehmen und seine Reihe damit markieren.

Momentchen, haben Sie den MEXICAN TRAIN auf dem Schirm? Dieser Train gehört niemandem, kann von jedem gestartet werden, der ein Domino mit einer Doppel-Zwölf legen kann. Nur in der allerersten Runde ist es eine Doppel-Zwölf. In der letzten ist es eine Doppel-Null und dazwischen liegen satte 11 Runden.

Das läuft dann so, vorausgesetzt Sie haben schon Ihre Steine für Ihren Zug vorsortiert. Kann ich einen unpassenden Stein irgendwo anders anlegen? MEXICAN TRAIN oder beim Mitspieler? Falls ja, dann machen! Falls nein, einen Stein an den eigenen Zug anlegen. Geht das nicht? Dann ziehen. Passt es nicht? Stein in die eigene Auslage legen und Lok auf den eigenen Train stellen. Dummes Gesicht nicht vergessen. Das wär's, Zug für Zug, Runde um Runde.

Moment. Ich bekomme gerade eine Email vom finnischen Redakteur. Ich hätte da noch was vergessen. Stimmt! Jeder Doppel-Domino mit gleicher Augenzahl bietet zwei wesentliche Vorteile. Zum einen darf, wer ihn legt, gleich noch einen Zug machen. Das ist schön, denn so kommt man dem Rundensieg näher. Wer seinen letzten Domino legt, gewinnt. Zum anderen werden die Mitspieler gezwungen, dieses Domino zu bedienen. Jeder erkennt den Zwang sofort, denn ein Doppler wird quer gelegt. Wer nicht bedienen kann, muss ziehen und gegebenenfalls seinen Train für die anderen öffnen. Das ist unangenehm! Aber die anderen können bestimmt auch nicht. Wer kann, muss bedienen. Unter Umständen auch unangenehm, denn es könnte eine lange Kette für den eigenen Train unterbrechen. Der Redakteur meint sicher, so eine Unwägbarkeit ist gut für ein ansonsten eher tristes Spiel. Ja, finde ich auch, besonders wenn ich viele der nur 13 Doppler zu Beginn vom Dominostapel ziehen. Dann bin ich fein raus.

Dann halte ich auch die ganze Spielzeit über aus. Gut, man kann MEXICAN TRAIN locker mit bis zu acht Spielern spielen. Aber bauen Sie mal von der Doppel-Zwölf bis zur Doppel-Null ihren persönlichen Vorrat von neun Dominos ab. Gut, man kann dann immerhin an potentiell sieben anderen Zügen anlegen und natürlich immer am MEXICAN TRAIN, aber wer spielt schon den ganzen Abend immer dasselbe Spiel … nur geweckt vom Klackern des letzten Dominos eines Mitspielers. Den letzten Stein muss man nämlich auf den Tisch hämmern, nicht um anzuzeigen, dass man gleich Schluss macht, man will doch die anderen aus ihrer Lethargie reißen. MEXICAN TRAIN scheint ein Spiel für finnische Winter zu sein … oder für schottische Dauerregentage. Zu viert bekommt jeder übrigens 15 Dominos, das macht das Spiel nicht schneller.

Ist nix für Sie? MEXICAN TRAIN ist schon ein tolles Spiel, denn Sie müssen nicht nur an sich denken, sondern auch an die Mitspieler. Die sortieren ihre Steine oft genug in zwei Reihen. Die guten ins Töpfchen (passen zum eigenen Zug), die schlechten ins … Die stehen meistens leicht abseits. Daraus lässt sich dann ermessen, wie lange das Spiel ungefähr dauern wird. Wenn 12 der 15 Steine hübsch in eine Reihe aufgestellt werden, dann weiß man schon ganz sicher, dass auch 12 Steine ratzfatz gelegt werden können. Hoffentlich sind darunter ein paar Doppler, dann geht diese Runde sogar noch schneller zu Ende, immer voraus gesetzt, dass der- oder diejenige die unpassenden Steine in anderen Zügen los wird. Immer wenn einer der Steine aus der unpassenden Reihe angelegt wird, wird Ihr Herz einen kleinen Luftsprung machen, denn das Ende lässt sich dann noch schneller abzählen. Was nur, wenn jemand seine Steine aber nicht so sortiert. Dann müssen Sie zittern. Wird Sie der Schlaf schneller ereilen als der Nachziehstapel aufgebraucht ist?

Und falls es zeitig endet, muss jede Runde abgerechnet werden. Dazu muss man nur die einzelnen Punkte zählen oder zusammen rechnen, die auf den übrig gebliebenen Dominos zu sehen sind. Natürlich baut ein kluger Spieler zunächst die hochwertigen Dominos mit vielen Punkten ab. Dumm nur, wenn man die gegen Ende noch nachzieht.
Komischerweise fanden sich aber unter meinen Mitspielern echte Fans des Spiels. Die hatten ihre Freude an dem etwas aufgebohrten DOMINO, den üppigen und durchaus hochwertigen Steinen. Und natürlich an der großen Dampflok, die auf Knopfdruck eindeutig dampfende Geräusche von sich gibt. Moment mal, jetzt wo ich's schreibe, weiß ich auch, warum diese Lok mit Dampfgeräusch dem Spiel beiliegt. Es ist kein Gimmick, es ist gar kein überflüssiger Schnickschnack. Es ist der Wecker für eingeschlafene Spieler.

Wolfgang Friebe

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