Montag, 19. Oktober 2009

Portrait: eggertspiele

GmbH & Co. KG

Auf der Nürnberger Spielwarenmesse habe ich die beiden Eigentümer völlig anders erlebt. Peter Eggert und sein Neffe Philipp El Alaoui sind ganz Businessmen. Beide im Anzug und ziemlich busy. eggertspiele ist als Partner durchaus gefragt. In Nürnberg werden neue Verträge für internationale Ausgaben ihrer Spiele angebahnt, vielleicht sogar abgeschlossen, da muss man geschäftstüchtig sein und entsprechend aussehen. Und natürlich werden ständig, immer, zu jeder Zeit Kontakte gepflegt. Kaum, dass man ein ruhiges Wort mit den beiden wechseln kann. Gut, der Stress ist auch in Essen da, aber da geht es doch viel lockerer zu, auch wenn dort jede halbe Stunde ein Autor neue Spiele präsentiert. 2007 waren es „nur“ 80 Prototypen, die vorgestellt wurden, 2008 schon an die 200. Da können sich die beiden durchaus die Rosinen rauspicken, wobei in ihren Augen die besten Rosinen komplexere Spiele ohne Glücksfaktor sind. Nur ganz auf diese Nische kann sich der Verlag nicht mehr festlegen, denn er ist längst dem Kleinverlagsstatus entwachsen. Außerdem gilt ja immer noch: Oft erkennt man die Rosine vor lauter Korinthen nicht. Bei der Auswahl ihrer Rosinen ist auch eggertspiele davor nicht geschützt. Das belegen einige noch ziemlich frische Leichen auf ihrem Weg ...
Die Wurzeln des Verlages reichen ziemlich weit zurück. Noch ganz als Amateur tauchte Peter Eggert 1996 mit seinem DUHNER WATTRENNEN erstmals zu den Essener Spieletagen auf. Das Pferderennen traf dort trotz aller Garagenqualität auf fruchtbaren Boden. Schon damals war er begeistert bei der Sache, konnte seine Spiele gut an den Mann – hier den Chefredakteur Herbert Heller - bringen. Heller hat es dann auch positiv besprochen. Damals lief das alles noch nebenher, erst auf dem Dachboden, dann im Keller, allerdings niemals in der Garage. Und die Spiele wurden nach den Spieletagen päckchenweise verkauft. Da war an einen professionellen Vertrieb noch gar nicht zu denken. Die Spiele waren es ja auch noch nicht ... erst recht nicht die Eggertschen Regeln. Das gibt Peter Eggert auch freimütig zu. Regeln seien nicht sein Ding. Ich erinnere mich an eine und einzige Partie DIE FLÖSSER. Ein Spiel mit vielen Regelseiten und mindestens genauso vielen Löchern, Fragen und Interpretationsmöglichkeiten. Und wenn man dann bei Peter Eggert anrief, bekam man sofort Antwort ... auch wenn man womöglich beim Abendessen, Fernsehen, Spielen oder bei was auch immer störte. Freizeit, eine klare Trennung von der Verlegertätigkeit war damals wohl ein Fremdwort im Hause Eggert. Als Kleinverleger neigt man zur Selbstausbeutung, ist immer für seine Spiele und deren Spieler da.
Der Weg in die Selbstständigkeit mit einem eigenen Verlag war nicht vorgezeichnet. Peter Eggert, gelernter Brauer und Mälzer studierte Oecotrophologie - einen Studiengang, bei dem (vor allem weibliche) Universaldilettanten die Hochschule verlassen. So wie Geografen, können Oecotrophologen fast überall arbeiten. Peter Eggert ist bei Phoenix gelandet. Nix Nachrichten, dafür Abwasser. Mit seinem Team von 10 Leuten hat er dort Abwasserbehandlungsanlagen für die Lebensmittelbranche verkauft und sich in der Gewerkschaft engagiert. Sein BÜNDNIS FÜR ARBEIT rührt wohl aus dieser zweiten Leidenschaft. Wahrscheinlich wäre alles so geblieben, wäre in ruhigen Bahnen verlaufen: Neben der Arbeit Gewerkschafter und Kleinverleger. Wäre da nicht die Firma aufgekauft worden. Mit dem neuen Eigentümer Continental wurde alles anders, beide passten nicht zusammen.
So richtig rund ging es mit einem Partner. 2002 kam sein Neffe als Miteigentümer ins Boot. Die Initialzündung, auch der internationale Durchbruch, kam 2005 mit PD-Spiele und ANTIKE, aber auch mit DOLMENGÖTTER. Selten habe ich in größere und begeistertere Augen geschaut, als in die von Peter Eggert bei den Spielertagen 2005. ANTIKE ging weg wie warme Semmeln. In Eggerts Heimatstadt Hamburg ist zum Kontakt zu Peter Dörsam und Mac Gertds gekommen, die schon immer zusammen gespielt haben. Gemeinsam wurde an ANTIKE gearbeitet, Peter Dörsam finanziert das Spiel, bei Erreichen der Gewinnzone wird geteilt. Das war eine produktive Kooperation, denn das Spiel hatte überragenden Erfolg. Da lief alles gut zusammen. Die Idee, das Material, die Umsetzung. ... und überhaupt. Erstmals eroberte das fast schon magische Rondell aus dem Stand die Spielerherzen. Es folgten IMPERIAL und HAMBURGUM. Da war eggertspiele bereits mit der Arbeit an CUBA ziemlich ausgelastet, so dass nach HAMBURGUM die Zusammenarbeit beendet wurde. Man ging seiner Wege. Die Arbeit an den eigenen Spiele lastete Eggert und Alaoui zu gut aus, als dass noch genügend Zeit für die Kooperation blieb. Die Verleger trennen sich endgültig, 2007 haben sie bereits getrennte Stände in Essen, zeigen aber gemeinsam HAMBURGUM. Das Spiel hätte sicherlich eine bessere Grafik verdient.
Einen Dämpfer erhält der Verlag, als es Streitigkeiten um den Namen eines Spiele gibt. SPACE DEALER darf nicht mehr so heißen und muss in RAUMHÄNDLER umbenannt werden. Ganz ausgestanden ist diese Geschichte nicht. Mit den anderen Spielen geht es trotzdem gut weiter. Die Auflagen sind kontinuierlich gestiegen, das liegt auch an den internationalen Kooperationen. Umsatzträger CUBA erscheint mit tschechischen, koreanischen, slowakischen, amerikanischen, französischen und holländischen Partnern, wird dort sogar das, was hier das Spiel des Jahres ist. IM SCHUTZE DER BURG startet mit einer Auflage von 15000 Spielen, die erste Auflage von NEULAND beträgt dagegen 500 Stück, vom DUHNER WATTRENNEN sind es nur 150.
Heute tritt Peter Eggert nicht mehr als Autor in Erscheinung, früher waren seine Spiele überhaupt Sinn und Zweck seines Kleinverlages. Jetzt stehen viele Autoren vor seiner Tür. Schließlich haben eggertspiele durchaus einen guten Ruf, zumal Grafik und Material in letzter Zeit immer erstklassig sind. Und eggertspiele haben auch einen echten Vertrieb. Bei der Preisverleihung zum Deutschen Spielepreis bahnte Herr Hutter die ersten Kontakte. Beide sind sich einig geworden. Hutter Trade entlastet eggertspiele nicht nur beim Vertrieb, bietet in Sachen Promotion und Pressearbeitet vollen Service. Das kommt Peter Eggert sichtlich entgegen, kann er sich doch so den neuen Spielen widmen. Sagt er doch von sich selbst, dass er jeden Tag Prototypen spielen könnte. Hauptsache er sortiert vorher alle Graupen aus und verliert nicht die Lust zu spielen.
Überhaupt hat sich einiges geändert. Mit dem Erfolg kam Wachstum, mit dem Wachstum endlich auch eigene Büroräume – woanders und nicht mehr im eigenen Haus. Damit können die Verleger viel besser steuern, wie weit sie es mit der Selbstausbeutung treiben. Außerdem wird jetzt vieles in Arbeitsteilung erledigt, es ruht nicht mehr alles auf den Schultern von Philipp El Alaoui und Peter Eggert. Eine Texterin ist engagiert, um projekbezogen die Regeln zu bearbeiten und zu layouten. Tobias Stapelfeld, früher nur Autor und Lehrer, ist jetzt als Teilzeitredakteur dabei, Eggerts Ehefrau meistert halbtags das Büro und ein Vertriebler ist auch mit im Boot. Es läuft schon fast zu rund bei eggertspiele.
Seit dem 01.08.2007 ist eggertspiele keine OHG mehr. Zu der Zeit hat Eggerts Bank noch sein Haus als Sicherheit eingefordert. Jetzt sind sie eine GmbH & Co. KG, und er wohnt noch in seinem Haus. Der Anspruch bleibt aber derselbe: Qualitativ gute Spiele für die Welt ... und ein I-Phone als I-Tüpfelchen für Peter Eggert.

Wolfgang Friebe


Ludografie:

1996
Duhner Wattrennen (150)
1997
Bündnis für Arbeit (150)
1998
Hol's der Pöppel (150)
1999
Schwarzer Mann (200)
Quick & Dirty (150)
2000
Tacara (150)
2001
Quick & Dirty Männer (150)
Quick & Dirty Frauen (150)
2002
Die Flößerei (250)
2003
Global Powers (400)
2004
Neuland (500)
Power Soccer (1. Aufl. 2500)
2005
Die Dolmengötter (1. Aufl. 1.000, 2. Aufl. 1.000)
Antike (1. Aufl. 1000, 2. Aufl. 2000)
2006
John Silver (2500)
Power Soccer (2. Aufl. 10000)
Antike (3. Aufl. 9.000)
Imperial (6000)
Raumhändler aka Space Dealer (5000)
2007
Guatemala Café (2500)
Cuba (25000, Holzbox 500)
Hamburgum (10000)2008
Neuland (8000)
Change Horses (10000)
Im Schutze der Burg (15.000, Holzbox 600)
Imperial (2. Aufl. 3500)


Zuerst veröffentlicht in der Fairplay

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